Die Funktionen nach C.G. Jung – Fakt oder Interpretation?

Ein Artikel der mehr die Fachleute anspricht. Ich nehme das Fazit gleich mal vorne weg, die Begründung dazu folgt unten:

Die Funktionen C.G. Jungs sind keine überprüfbaren Fakten, sondern lediglich formbare Interpretationen des Verhaltens.

Was sind die Funktionen? Der Typentest Persönlichkeitstest basiert indirekt auf den sogennannten Funktionen C.G. Jungs, die das typische Verhalten von Menschen erklären. Eine Erklärung dieser Funktionen gibt es auf  Funktionen nach C.G. Jung.

Es gibt vier grundsätzliche Verhaltens-Funktionen, die bereits vor 90 Jahren von C.G. Jung zum ersten Mal rudimentär definiert wurden und welche die theoretische Grundlage und der Beginn der Typologie waren. Jede dieser vier Funktionen kann Extrovertiert oder Introvertiert sein. Dadurch ergeben sich insgesamt acht Funktionen. Später wurden sie bei MBTI (Myers Briggs) und Sozionik weiterentwickelt und durch eine zusätzliche Dimension 16 Typen daraus gemacht.
Demnach hat z.B. ein ETKS Komiker die Hauptfunktion Extrovertiertes Theoretisches Denken (=Wahrnehmen) und die sekundäre Funktion Introvertiertes Kooperatives Entscheiden (= Beurteilen).

Die Funktionen werden in der MBTI-Literatur grob geschätzt von etwas mehr als der Hälfte der Autoren in unterschiedlichem Maße benutzt oder beschrieben (z.B. Myers-Briggs, Naomi Quenk) und von den anderen entweder gar nicht genutzt oder größtenteils ignoriert (z.B. Baron, Barron-Tieger). Der erfolgreichste Autor im MBTI-Bereich, David Keirsey, hat sich z.B. komplett von den Funktionen gelöst und benutzt diese überhaupt nicht.
Bei Socionics spielen sie dagegen immer eine elementare Rolle, und werden auch anders definiert als im MBTI: anhand der Funktionen werden die verschiedenen Arten von zwischenmenschlichen Beziehungen kategorisiert und die Typenbeschreibungen basieren noch stärker auf ihnen.

Doch was hat es mit den Funktionen auf sich?
Warum sind die einen überzeugt davon, und die anderen sind dagegen oder ignorieren sie?
Warum sind sich MBTI und Socionics so uneinig was die Funktionen angeht, ohne auf einen Nenner zu kommen, und ohne das eine Seite schlüssig beweisen könnte das sie Recht hat? (Die Funktionen der Introvertierten Typen werden bei Socionics genau umgekehrt benutzt wie beim MBTI. Ist also eines von Beidem falsch? Oder Beides?)
Und warum ist man sich selbst innerhalb des MBTI uneinig, z.B. was die Ausrichtung der dritten, tertiären Funktion angeht? (1)

Die Antwort ist einfach: die Funktionen sind keine überprüfbaren Fakten, sondern lediglich Interpretationen des Verhaltens.

Da dies ein etwas kontroverses Thema ist, finden sich unter diesem Text genaue Nachweise zu den Quellen meiner Ausführungen.

Begründung:

Die dem Typentest (sowie MBTI und Jung) zu Grunde liegenden vier Dimensionen mit ihren insgesamt acht Eigenschaften (Extrovertiert-Introvertiert, Praktisch-Theoretisch, Hart-Kooperativ, Geplant-Spontan) sind statistisch überprüfbar und nachweisbar (siehe dazu Big Five). Diese Eigenschaften können mehr oder weniger als Fakten betrachtet werden, auch wenn man sich über die Details oder die genaue Auslegung streiten kann.

Die reinen Funktionen nach C.G. Jung, auf deren Basis ursprünglich die Eigenschaften und Typen entstanden sind, sind KEINE Fakten und NICHT nachweisbar (wie z.B. auch das Enneagramm oder Disg). Es konnte bisher in keiner wissenschaftlichen Studie nachgewiesen werden, dass die Funktionen . z.B. extrovertierte Intuition – in der angenommenen Form existieren, bzw. das sie überhaupt existieren. Im Gegenteil sprechen alle Studien im Rahmen der Big Five dafür das es sie nicht gibt, bzw. zumindest nicht in der angenommenen Form, denn es gibt keine Anhaltspunkte für ihre Existenz (2).
Zwar gibt es auch unzählige Studien zum MBTI, aber bei diesen werden (im Gegensatz zu vielen MBTI-Büchern) nie die Funktionen als Anhaltspunkte zur Forschung genutzt, sondern immer nur die vier Dimensionen und acht Ausprägungen des Tests (meist als Faktoren), die ja auch wissenschaftlich nachweisbar sind.
In keiner Studie konnten jedoch Zusammenhänge zwischen den acht Eigenschaften gefunden werden, so wie es sie aufgrund der Funktionen geben müsste, wenn diese real existieren würden. Menschen mit Spontan (Perceiving) als Ergebnis haben keine höheren Werte in der entsprechenden Dimension des Praktischen/Theoretischen Wahrnehmens, und Menschen mit Geplant (Judging) als Ergebnis auch keine höheren Werte in der Dimension des Harten/Kooperativen Beurteilens, obwohl dies nach der Theorie der Funktionen so sein und ein Typ seine jeweilige Hauptfunktion besonders stark nutzen müsste.
D.h. entweder gibt es die Funktionen nicht, oder sie haben in der Praxis keine wahrnehmbaren Auswirkungen auf das Verhalten einer Person.
So nutzt z.B. in der Praxis ein ETKS Komiker sein Theoretisches Denken (dominante Funktion) nicht stärker als sein Kooperatives entscheiden (sekundäre Funktion). Die Verteilung ist eher 50/50, die einen nutzen das eine mehr, die anderen das andere. (2) (3)
In einer Langzeitstudie über den MBTI kam man zu dem Ergebnis, das es stattdessen Zusammenhänge und Überschneidungen zwischen den Eigenschaften Praktisch und Geplant, so wie Theoretisch und Spontan gibt (3). Zu dem gleichen Ergebnis kam auch eine Vergleichsstudie zwischen Big Five und MBTI (2).

Abgesehen von diesen wissenschaftlichen Erkenntnissen werden die Funktionen nach wie vor von vielen Autoren im MBTI und Socionics-Bereich als psychologische Interpretationshilfe oder sogar als komplette Grundlage für die Typologie beschrieben und genutzt. Denn für viele Menschen sind sie eine Hilfe das System der 16 Typen und 8 Eigenschaften besser zu verstehen. Durch die Funktionen lässt sich das Verhalten interpretieren und (angeblich) erklären warum es die 16 Typen gibt, und wie sie funktionieren. Allerdings sind dies alles nur Einschätzungen und Interpretationen die nicht real überprüfbar sind, sondern im Auge des Betrachters liegen. Deswegen sieht jeder sie anders, und es herrscht Uneinigkeit darin wie sie auszulegen sind, wobei keiner seinen jeweiligen Standpunkt beweisen kann.

Das heißt jedoch nicht das die Funktionen komplett falsch oder nutzlos sind. In der Praxis sind sie den acht Eigenschaften sehr ähnlich, und als Hilfe zum Verständnis der Typen sind sie geeignet, so lange man daran denkt, sie nicht als feststehende Fakten zu sehen, sondern lediglich als hilfreiche psychologische Interpretationen dazu wie die Persönlichkeit funktioniert, die je nach Sichtweise anders ausgelegt werden können.

Fazit: Die Funktionen können nicht real nachgewiesen werden.
Sie sind lediglich eine psychologische Interpretation, ähnlich der Traumdeutung oder Psychoanalyse.

Daraus entsteht natürlich die spannende Frage, ob es aus wissenschaftlicher Sicht so etwas wie feste Typen überhaupt gibt, oder ob diese in Wirklichkeit auch nur Interpretation sind… ? Denn laut Big-Five Forschung gibt es auch keine Anhaltspunkte für “echte” Typen, sondern jeder ist nur eine Summe seiner Eigenschaften, wobei manche Menschen nahe im Mittelbereich einer Eigenschaft liegen (z.B. bei Extrovertiert-Introvertiert) und daher keiner Seite klar zugeordnet werden können. Siehe dazu der Artikel Gibt es Typen?

Kommentare sind wie immer erwünscht.

Quellen:
1 Still true to Type, William C. Jeffries, 2002,S. 125 ff
2 Reinterpreting the Myers-Briggs Type Indicator From the Perspective of the Five-Factor Model of Personality, Robert R. McCrae, Paul T. Costa Jr., 1989
3 Portaits of Type, An MBTI Research Compendium, Avril Thorne & Harrison Gough, 1999, S. 76 f.
Sowie die Quellen unter Big Five

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Eine Antwort auf Die Funktionen nach C.G. Jung – Fakt oder Interpretation?

  1. Pingback: Jung & MBTI – der Irrtum von Funktionen und Typdynamik (1) | TypenTest.de Blog

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