Antike Temperamente und moderne Persönlichkeit

Die antiken Temperamente namens Choleriker, Melancholiker, Sanguiniker und Phlegmatiker sind das älteste bekannte Persönlichkeitsmodell. Ich sehe mir an, ob und wie es mit modernen Erkenntnissen übereinstimmt.

Vier Temperamente aus heutiger Sicht

Im 5. Jahrhundert vor Christus entwickelten griechische Ärzte die Viersäftelehre, ähnlichen den vier Elementen, auf deren Basis Galenos von Pergamon im 2. Jahrhundert vor Christus die Lehre der vier Temperamente entwickelte. Demnach gäbe es vier Typen von Menschen:

  • Aufbrausende Choleriker
  • Traurige Melancholiker
  • Passive Phlegmatiker
  • Heitere Sanguiniker

Diese Temperamentlehre wird selbst heute noch oft zitiert und der Choleriker und der Melancholiker sind fester Teil unserer Umgangssprache geworden. In der ernsthaften Psychologie und Persönlichkeitsforschung spielen diese Temperamente jedoch überhaupt keine Rolle mehr und werden nicht genutzt. Denn auch wenn sie teils treffende Klischeebilder bieten, sind viele ihrer Aussagen schlicht falsch. Dem Melancholiker werden zum Beispiel neben Traurigkeit auch Misstrauen, übermäßig kritisches Verhalten und Gewissenhaftigkeit zugeschrieben – Eigenschaften, die nicht zusammen gehören. Dem Phlegmatiker wird neben Ruhe auch Langsamkeit und Schwerfälligkeit unterstellt, was ebenfalls falsch ist. Natürlich gibt es ruhige Menschen, die auch schwerfällig sind, aber generell haben diese Eigenschaften nichts miteinander zu tun. Daher handelt es sich auch hierbei um ein Beispiel einer unzutreffenden Kombination bei den Temperamenten.

Dennoch lassen sich die vier antiken griechischen Temperamente grob mit der modernen Persönlichkeitsforschung in Einklang bringen, wie der Psychologe Hans Jürgen Eysenck als Erster festgestellt hatte. Verglichen mit den Persönlichkeitseigenschaften der Big Five ergeben sich folgende Kombinationen:

  • Choleriker sind extrovertiert und haben hohen Neurotizismus/emotionale Instabilität. Sie sind sehr kontaktfreudig, gleichzeitig aber auch empfindlich gegenüber negativen Emotionen und leicht reizbar. Durch ihre extrovertierte Art zeigen sie nicht nur positive, sondern auch negative Emotionen sehr deutlich nach außen.
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  • Melancholiker sind introvertiert und haben ebenfalls einen hohen Neurotizismus/emotionale Instabilität. Sie sind empfindlich, zeigen aufgrund ihrer introvertierten Art negative Emotionen aber kaum nach außen, sondern behalten sie mehr für sich und geben sich ihrer Schwermütigkeit hin.
    Die klassische Beschreibung des Melancholikers entspricht in vielen Punkten auch dem Verhalten einer unter einer Depression leidenden Person. Depressionen treten jedoch unabhängig von Persönlichkeitseigenschaften auf, denn jeder kann davon betroffen sein.
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  • Phlegmatiker sind introvertiert und haben einen geringen Neurotizismus/sind emotional stabil. Sie sind zurückhaltend, ruhig, und verspüren aufgrund ihrer geringen Empfindlichkeit nur selten negative Emotionen. Dadurch können sie auf andere den Eindruck machen, dass sie überhaupt keine Emotionen verspüren, was aber nicht stimmt. Die Phlegmatikern oft unterstellte Schwerfälligkeit lässt sich nicht in Zusammenhang mit diesen beiden Persönlichkeitseigenschaften bringen.
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  • Sanguiniker sind extrovertiert und haben geringen Neurotizismus/sind emotional stabil. Sie sind sehr kontaktfreudig, lebhaft, und aufgrund ihrer geringen Empfindlichkeit auch sehr locker, unbekümmert und risikobereit.

Wie man sieht, lassen sich die antiken Temperamente ganz gut auf moderne Persönlichkeitseigenschaften umlegen, auch wenn viele ihrer Inhalte heute natürlich überholt oder falsch sind. Ihre generelle Definition bleibt jedoch auch im Licht aktueller Erkenntnisse über die Persönlichkeit erhalten. Dennoch dürfen wir nicht vergessen: Nur wenige Menschen werden von diesen Temperamenttypen gänzlich treffend beschrieben. Die meisten dürften sich am ehesten als eine Mischung aus diesen vier Typen sehen, und auf viele Menschen treffen sie auch überhaupt nicht zu. Sie sind wenn man so will antike Klischeebilder und ein erster Versuch, verschiedene Persönlichkeiten zu definieren.
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PS:
Eine andere Interpretation der vier Temperamente findet sich bei David Keirseys Temperamenten. Er setzte die antiken Temperamente in einen Zusammenhang mit dem System des MBTI und bildete daraus eigene Temperamente. Sein entscheidender Fehler war jedoch, dass er die Eigenschaft des Neurotizismus, die Empfindlichkeit auf negative Emotionen, überhaupt nicht berücksichtigte, obwohl diese bei allen vier Temperamenten ein zentrales Element darstellt, und im Falle des Melancholikers sogar fast schon die alleine definierende Eigenschaft. Dementsprechend haben die von ihm entwickelten Temperamente nichts mehr mit den vier antiken Temperamenten gemeinsam.
 
Quelle:
Temperament: An organizing paradigm for trait psychology. Clark, Lee Anna; Watson, David; John, Oliver P. (Ed); Robins, Richard W. (Ed) Pervin, Lawrence A. (Ed), (2008). Handbook of personality: Theory and research (3rd ed.).

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