Das Enneagramm und seine neun Typen im Vergleich mit moderner Persönlichkeitsforschung

Kuddelmuddel beim Enneagramm

Mein Lieblingsvergleich zum Persönlichkeitsmodell des Enneagramm ist ein Kinderzimmer, in dem alle Spielsachen kreuz und quer verteilt wurden. Anstatt richtig aufzuräumen, wurden einfach neun Häufchen gemacht, auf denen verschiedene Spielzeuge zusammengesammelt sind. Manche dieser Häufchen bestehen aus ganz vielen verschiedenen Dingen, andere nur aus einem oder zwei. Viele weitere Spielsachen liegen immer noch unter dem Bett herum und wurden auf gar kein Häufchen sortiert.

So ist es mit den Persönlichkeitseigenschaften, die das Enneagramm beschreibt: manche seiner 9 Typen bestehen aus vielen verschiedenen Eigenschaften, die in ihrer Kombination nur auf wenige Menschen zutreffen. Auf die aber dafür ganz gut. Andere bestehen nur aus einer oder zwei Eigenschaften, die auf fast die Hälfte aller Menschen zutreffen, da sie sehr breit gefächert und allgemein beschrieben sind. Ganz viele weitere Eigenschaften wurden komplett vergessen.

Das ist der Grund, warum sich manche Menschen total in den Enneagramm Typen wiederfinden und beschrieben sehen, andere dafür von keinem der neun Typen auch nur ansatzweise passend beschrieben werden oder sich in mehreren ganz oder teilweise finden. Denn das Enneagramm hat keine klare Grundlage, kein festes psychologisches System, keine Regeln nach denen Persönlichkeitseigenschaften gesucht, sortiert und zusammengesetzt wurden. Es ist relativ beliebig und Interpretationssache. Das macht es für die einen so faszinierend und für die anderen so nutzlos. Beides ist in Ordnung.

Im Folgenden sehe ich mir an, wie die neun Enneagramm Typen sich mit der heutigen Persönlichkeitsforschung, wie z.B. den Big Five, analysieren lassen, aus welchen Eigenschaften sie bestehen und welche fehlen. Persönlichkeitseigenschaften sind kein entweder/oder, kein an/aus wie beim Fernseher, sondern liegen auf einer Skala, wie bei einem Thermometer: sie können weit unten oder weit oben, stark oder schwach ausgeprägt sein, oder wie bei den meisten Menschen: mittig in der Balance liegen.

Die 9 Enneagramm Typen

Typ 1 ist durch Perfektionismus geprägt. Dies ist eines der Merkmale der Persönlichkeitseigenschaft Gewissenhaftigkeit. Gewissenhafte Menschen planen gerne, sind ordentlich und verlässlich, und bei stärkerer Ausprägung auch mehr oder weniger perfektionistisch. Typ 1 trifft aufgrund seines simplen Konzeptes daher auf sehr viele Menschen zu, schätzungsweise etwa 20-30%.

Typ 2 zeichnet sich dadurch aus, anderen Menschen zu helfen. Dies findet sich in der Persönlichkeitseigenschaft Verträglichkeit wieder. Verträgliche Menschen sind gegenüber anderen kooperativ, sanftmütig und rücksichtsvoll. Typ 2 trifft auf schätzungsweise 50% aller Menschen zu, je nachdem wie stark die Ausprägung zum Helfen ist.

Typ 3 möchte Erfolg um jeden Preis. Dies ist eine Kombination aus vielen verschiedenen Eigenschaften, nämlich aus extrovertiert (Drang nach Erfolgserlebnissen), niedriger Verträglichkeit (Unnachgiebigkeit und wenig Rücksicht auf andere) und Gewissenhaftigkeit (Zielstrebigkeit und Durchhaltevermögen). Diese Kombination aus mehreren Eigenschaften macht Typ 3 selten und führ dazu, das er nur im geringen Prozentbereich vorkommt.

Typ 4 möchte anders sein und speziell. Hier hängt es von der Interpretation ab, welche Eigenschaften man diesem Enneagramm Typ zuordnet. Kern des Ganzen ist eine hohe Ausprägung bei der Eigenschaft Offenheit für neue Erfahrungen, die eine Neigung zu ungewöhnlichen, kreativen und nonkonformistischen Dingen bedeutet. Die Neigung zu dieser Eigenschaft muss jedoch recht stark sein, damit eine Person wirklich anders sein möchte als die Meisten. Damit würden grob geschätzt 10-15% aller Menschen Typ 4 entsprechen. In den gängigen Beschreibungen des Typ 4 finden sich jedoch oft auch Hinweise auf Verträglichkeit, da er mit seiner Andersartigkeit niemanden vor den Kopf stoßen will, oft eine romantisierte, positive Vorstellung des Lebens hat, sowie Hinweise auf niedrige Gewissenhaftigkeit, wenn er sich gerne ziellos treiben lässt, und auch auf die Eigenschaft introvertiert, wenn er in sich gekehrt ist. Nimmt man diese Eigenschaften noch alle dazu (was man nicht muss), ist dieser Typ 4 sehr selten und betrifft nur ca. 1% aller Menschen.

Typ 5 bevorzugt Dinge und Wissen zwischenmenschlichen Beziehungen. Ein sehr spannendes Phänomen, das mit einer starken sozialen Zurückhaltung – der Eigenschaft introvertiert, wahrscheinlich auch Schüchternheit, und einer recht niedrig ausgeprägten Verträglichkeit zusammenhängt, die in dieser Kombination für kühles und eigensinniges Verhalten sorgt.  Zwar handelt es sich lediglich um eine Kombination aus zwei Eigenschaften. Da beide jedoch stark ausgeprägt sein müssen, um mit den gängigen Beschreibungen von Typ 5 übereinzustimmen, entspricht dieser nur einer sehr geringen Prozentzahl aller Menschen.

Typ 6 wird durch seinen Drang nach Sicherheit und seine Angst definiert. Dies entspricht vollständig einer Unterkategorie der Eigenschaft Neurotizismus, welche allgemein emotionale Empfindlichkeit und viele damit verbundene Phänomene beschreibt, wie eben Unsicherheit und Ängste. Einen leichten Typ 6 haben ca. 30% aller Menschen in sich, einen deutlich ausgeprägten mit richtigen Ängsten jedoch nur wenige im einstelligen Prozentbereich. Ein extrem ausgeprägter Typ 6 entspricht sehr deutlich den Beschreibungen einer vermeidenden und einer abhängigen Persönlichkeitsstörung, und würde in diesem Fall professionelle Hilfe benötigen.

Typ 7 sucht stets das Vergnügen und den Genuss. Das entspricht 1:1 einer sogenannten hedonistischen Lebensweise, welche Freude als das ultimative Ziel ansieht. In Persönlichkeitseigenschaften bedeutet das eine Kombination aus hoher Extraversion (starker Drang nach Glückserlebnissen) und niedriger Gewissenhaftigkeit (spontan sein, in den Tag hinein Leben, lieber ans jetzt als ans Morgen denken). Diese Kombi trifft auf ca. 5-10% aller Menschen zu.

Typ 8 möchte Macht und Kontrolle haben. Er besteht aus den gleichen Eigenschaften wie Typ 3: extrovertiert (Durchsetzungskraft gegen andere, Drang nach Erfolgserlebnissen/Macht), niedrige Verträglichkeit (Unnachgiebigkeit und wenig Rücksicht auf andere) und hoher Gewissenhaftigkeit (Zielstrebigkeit und Durchhaltevermögen, Wunsch nach Kontrolle). Im Endeffekt ist er Typ 3 (Suche nach Erfolg) sehr ähnlich, und eine unangenehmere Version von diesem, mit einer stärkeren Ausprägung für geringe Ehrlichkeit und Bescheidenheit. Um den gängigen Beschreibungen für Typ 8 zu entsprechen, braucht es starke Ausprägungen in allen drei damit verbundenen Eigenschaften, ganz besonders der niedrigen Verträglichkeit, womit Typ 8 nur ca. 1% aller Menschen ausmacht.

Typ 9 möchte Ruhe und Harmonie. Das entspricht den Eigenschaften Verträglichkeit (Sanftmütigkeit) und introvertiert (lieber Zeit alleine verbringen). Zusätzlich wird er meist mit einem Hang zur Antriebslosigkeit und Lethargie beschrieben, wodurch noch niedrige Gewissenhaftigkeit dazukommt. Da drei bestimmte Eigenschaften zusammenkommen müssen, gibt es Typ 9 nur recht selten mit geschätzten 2-3% aller Menschen.

Individuelle Sichtweise

Das 9 Typen nicht ausreichen, um alle gängigen menschlichen Verhaltensweisen sinnvoll zu beschreiben, ist klar. Beim Enneagramm wird vieles komplett ausgelassen, anderes unnötig spezialisiert. Wie oben zu sehen, sind gängige Persönlichkeitseigenschaften im Enneagramm wild über alle Typen verstreut und die Typen in ihrer Häufigkeit des Vorkommens extrem unterschiedlich. Manche sind sehr häufig anzutreffende, allgemeine Eigenschaften wie bei Typ 2, andere sehr spezielle, seltene Kombinationen wie Typ 8, 4 und 9.

Roter Faden ist die Eigenschaft Verträglichkeit, die bis auf Typ 1 und 6 in allen Typen vorkommt. Neurotizismus wird nur in Typ 6 beschrieben, in Form einer hohen Ausprägung und mit Hang zu einer ungesunden Persönlichkeitsstörung. Offenheit für neue Erfahrungen nur in Typ 4, und ebenfalls nur eine der beiden möglichen Ausprägungen. Introvertiert/extrovertiert kommt dagegen in sechs der Typen vor, und Gewissenhaftigkeit ebenfalls in sechs. Dadurch, dass manche Eigenschaften nur einseitig oder nur in Kombination mit anderen vorkommen, können sich viele Menschen in keinem der Typen wiederfinden. Andere dagegen ohne Widersprüche in Mehreren, z.B. in Typ 1, 2 und 6 oder in Typ 1, 3, 6 und 8

Das Enneagramm beschreibt bestimmte, ausgewählte Phänomene und Kombinationen an Charaktereigenschaften. Diese wilde, scheinbar planlose Mischung an Eigenschaften führt dazu, das die Enneagramm Typen die Persönlichkeit einiger weniger Menschen treffend beschreiben können, die meisten Menschen sich irgendwo halbwegs passend in mehreren Typen, aber mit großen Lücken an fehlenden Eigenschaften einordnen lassen, und sich manche Menschen überhaupt nicht in den neun Typen repräsentiert finden. Für die einen kann das Enneagramm daher trotz fehlender psychologischer Basis eine mehr oder weniger spannende Anregung sein, für andere ist es einfach nutzlos. Wie man das für sich selbst sieht, hängt von der eigenen Persönlichkeit ab.
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Vorheriger Artikel: Mein persönlicher Blick auf das Enneagramm

Bild von mhobl

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Eine Antwort auf Das Enneagramm und seine neun Typen im Vergleich mit moderner Persönlichkeitsforschung

  1. Es freut mich, wenn das Enneagramm Thema ist:-))
    Ich sehe es nicht als ein Charaktermodell an sondern aufgrund der Basis des Enneagramms, BAUCH-HERZ-KOPF ist es vielmehr als ein embodimentales, sprich körperorientiertes Modell anzusehen. Ohne systemischen Kontext ist es recht schwierig, sich tatsächlich in einer der Strukturen (ich spreche nicht von Typen, da es eben typisch bei den Strukturen nicht gibt) wiederzufinden. Diese Strukturen können überlagert, verschleiert oder sogar deformiert sein. Nur weil einem etwas gewohnt oder vertraut ist, muss es nicht der eigenen Enneagramm-Struktur entsprechen. Oft verwechseln wir Überlebensmuster, die Strukturen der Eltern, Traumata, biographische Prägungen damit. Meine Formulierung: Die Enneagramm-Struktur ist ein strukturierter Möglichkeitsraum mit potenziell unbegrenzten Möglichkeitsbäumen. Deshalb leider auch für Tests als Diagnoseinstrument nicht geeignet:-(
    Neun und potenziell unbegrenzt mehr Gründe um Perfektionist, Helfer etc. zu sein.
    Wen es interessiert, da gibt es auch ein Buch von mir dazu. Heißt das systemische Enneagramm.

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