Jung & MBTI – der Irrtum von Funktionen und Typdynamik (1)

Dieser Artikel richtet sich an diejenigen die sich bereits mit Jung und MBTI (Myers Briggs) auskennen: es geht um den Einsatz der Funktionen von Jung in der so genannten Typdynamik des MBTI und warum sie in der Realität nicht funktionieren. In Teil 2 des Artikels wird ein alternatives Modell vorgestellt.

1921 hat C.G. Jung seine Erkenntnisse zu “Psychologischen Typen” veröffentlicht. In diesem Buch beschrieb er vier grundsätzliche, so genannte Verhaltens-Funktionen: Denk- und Fühltypus, sowie Intuitiv- und Empfindungstypus. Nach seiner Vorstellung war jede dieser Verhaltens-Funktionen entweder Extrovertiert oder Introvertiert ausgerichtet, macht also 8 Typen bzw. Funktionen.

Später wurden diese 8 Grundtypen im MBTI auf 16 erweitert, indem man Jungs Vorstellung von Rational und Irrational als Judging (Geplant) und Perceiving (Spontan) interpretierte, und ein komplexes Set an so genannten Funktionen entwickelte, die hinter diesen Typen stehen.
Es können dort nur die Eigenschaften Hart (Thinking), Fühlend (Feeling), Praktisch (Sensing) oder Theoretisch (iNtuition) im Zusammenhang mit Extrovertiert und Introvertiert Funktionen sein. Zudem wurde eine Reihenfolge für diese Funktionen entwickelt: demnach hat jeder Typ eine Hauptfunktion, Nebenfunktion, sowie dritte und vierte Funktion. Diese Reihenfolge nennt sich im englischen “Type Dynamics”. Entgegen dem Namen sind diese Funktionen im MBTI allerdings nicht dynamisch, sondern statisch: das bedeutet jeder Typ hat ein festgelegtes Set mit festgelegter Reihenfolge der Funktionen. Bzw. man kann es auch umgekehrt sehen, das jede Haupt und Nebenfunktion in ihrer Kombination einen bestimmten Typen ergibt (z.B. ITKS = Hauptfunktion Introvertiertes Kooperatives Geplantes entscheiden, zweite Funktion Extrovertiertes Theoretisches Spontanes denken; es werden also immer drei Eigenschaften zu einer Funktion zusammengefasst). Individuelle Unterschiede gibt es nicht, Reihenfolge und Art der Funktionen ist immer fest vorgeschrieben. Das System ist recht komplex, verwirrend und vor allem in sich nicht ganz logisch nachvollziehbar, daher spare ich mir im Detail zu erklären wie die Funktionen hergeleitet werden. Zu ihrer zweifelhaften Aussagekraft habe ich bereits einen Artikel geschrieben: Die Funktionen nach C.G. Jung – Fakt oder Interpretation?

Das Fazit damals: die Funktionen und ihr Aufbau im MBTI sind reine Interpretationen. Sie konnten bisher nirgends schlüssig nachgewiesen werden und könnten genauso gut auf andere Weise angeordnet und interpretiert werden (z.B. so wie bei der Sozionik). Man kann sie als eine MÖGLICHE Art der Interpretation oder als Anregung zur Diskussion betrachten, aber auf keinen Fall als real existierendes Modell zur Persönlichkeit.

Nun geht es noch einen Schritt weiter; ich bin in einem Artikel auf einem englischen Blog (Why does Psychology Diss The MBTI? – in dem es darum geht warum die professionelle Psychologie den MBTI nicht ernst nimmt und er dort nur belächelt und nicht eingesetzt wird) auf eine aktuelle Studie* zu genau diesem Thema gestoßen:
Von Reynierse und Harker wurde 2008 kritisch untersucht in wie fern die Funktionen bzw. die so genannte Typdynamik im MBTI der Realität entsprechen. Ihre Ergebnisse aus insgesamt sechs Studien hat Reynierse 2009 in der Zusammenfassung “The case gainst type dynamics” präsentiert und ein alternatives Modell vorgeschlagen. Er klärt darin ob die Funktionen ein reines Gedankenkonstrukt sind, das nicht viel mit der Wirklichkeit zu tun hat. Oder entspricht die Funktionstheorie der Realität, und entsprechen die Aussagen die dort gemacht werden der tatsächlichen Persönlichkeit und dem tatsächlichen Verhalten von Menschen? Stimmt die Reihenfolge der Funktionen (Haupt-, Neben- usw.) mit den tatsächlichen Ausprägungen in der Persönlichkeit einer Person überein, und stimmen die Aussagen, die die Funktionen über das Verhalten einer Person machen?

Das klare Ergebnis der Studien: Nein. Die Aussagen der Funktionen treffen in der Realität nicht ein:

Laut Reynierse hält die Funktionstheorie nicht einmal ihrer eigenen internen Logik stand, hat eklatante Fehler in ihrem Aufbau, ist in keiner Weise wissenschaftlich fundiert, basiert rein auf Anekdoten, entspricht nicht der Jungschen Theorie, verwurstet Dinge die nicht zusammengehören und verschlimmbessert dadurch die Theorie der acht Eigenschaften und 16 Typen.
Das hört sich hart an, ist aber alles einwandfrei begründet, nachvollziehbar und verständlich (und bestätigt mich in meiner persönlichen Erfahrung und anderen Studien die ich dazu gelesen habe).

Die Ergebnisse im Detail: es konnte für keinen der 16 Typen bzw. für keines der Funktionskonstrukte ein Zusammenhang zwischen der angeblichen, festen Reihenfolge der Funktionen und den tatsächlichen Ausprägungen in der Persönlichkeit der Testpersonen festgestellt werden. Die Beschreibungen der dominanten Funktionen stimmten nicht mit den tatsächlichen Persönlichkeitseigenschaften der getesteten Personen überein. Im Gegenteil: die Aussagen der Funktionen waren teils sogar schlechter als das Zufallsprinzip. Die festgelegte Reihenfolge der Funktionen (1.,2.,3.,4.) trat bei insgesamt 540 Testergebnissen nur ein einziges Mal(!) so auf, wie sie laut MBTI angeblich ist. Allein das sagt alles über die Realitätsferne der Funktionstheorie.
Betrachtet man nur einen Teil davon, z.B. das die dominante Funktion stärker ausgeprägt sein sollte als die 2.te, oder die 3.te stärker als die 4.te, dann traten diese Effekte bei 92 von 540 Tests auf. Die umgekehrte Reihenfolge trat dagegen 104 mal auf, also häufiger als die angeblich Richtige…
Es konnten auch keine Zusammenhänge zwischen den Eigenschaften festgestellt werden, wie sie laut den Funktionen existieren sollten (z.B. Extrovertiertes Praktisches, Geplantes denken als Hauptfunktion). Judging (Geplant) und Perceiving (Spontan) hatten keinerlei Zusammenhänge mit Extroversion und Introversion, so wie es sie laut den Funktionen geben müsste.
Warum ist das Ergebnis so vernichtend? Weil die Beschreibungen der Funktionen und Typdynamik (im Gegensatz zu den acht Eigenschaften) rein auf Anekdoten und persönlichen Erfahrungen der jeweiligen Autoren basieren. Diese Anekdoten sind allerdings nichts anderes als Interpretationen und persönliche Meinungen, die nicht viel mit der Realität zu tun haben, sondern im Gegenteil die Realität so interpretieren, dass sie auf die Funktionstheorie passt, statt umgekehrt.

Im Klartext: die Beschreibungen der Funktionen und ihre Reihenfolge stimmen nicht. Sie haben kaum etwas mit der realen Persönlichkeit zu tun.

Die Autoren der Studie kommen zu dem Fazit (und ich kann das nur unterstreichen): Statt mit den Funktionen, sollte man sich ausschließlich mit den acht Eigenschaften an sich beschäftigen, denn im Gegensatz zu den Funktionen haben die acht Eigenschaften eine echte Aussagekraft über die Persönlichkeit.

Manche Verfechter der Funktionstheorie (z.B, die Autorin Naomi Quenk) behaupten allerdings genau das Gegenteil, ohne Beweise dafür liefern zu können. Oft hört man von Verfechtern des Funktionsmodells das Argument, die Kritiker hätten sich nicht ausführlich genug mit dem Modell auseinandergesetzt oder würden es nicht verstehen. Mit einem solchen Argument kann man natürlich jedwede Kritik von sich weisen und als ungültig abstempeln. Mir kommt es so vor, als hätten sich viele Befürworter der Funktionen viel zu ausführlich damit auseinander gesetzt, so lange bis sie überall vermeintliche Zusammenhänge gefunden und das System und seine Aussagen so zurechtgebogen und interpretiert haben, bis es dann eben doch irgendwie passt.
Liebe Verfechter der Funktionstheorie, vielleicht haben die Kritiker durchaus genug Fachwissen, und sind einfach zu dem Schluss gekommen das dass Funktionsmodell nicht funktioniert…

Wer trotzdem immer noch an die Funktionen und Typdynamik glaubt, dem rate ich einmal die komplette Studie* zu lesen, sowie meinen Vorartikel Die Funktionen nach C.G. Jung – Fakt oder Interpretation?, in dem auch noch andere Studien zitiert sind.

Natürlich gibt es auch Personen bei denen die Funktionen und ihre Anordnung mit der tatsächlichen Persönlichkeit übereinstimmen, oder die sich mit ihnen identifizieren können (unabhängig davon ob sie stimmen oder nicht), aber bei den meisten Menschen sind die Aussagen der Funktionen schlicht falsch.

Warum sind dennoch so viele im MBTI-Bereich davon überzeugt und halten daran fest? 

Ein Grund ist sicher, dass man die Grundlagen und Traditionen der Arbeit von Jung aufrecht erhalten will. Auch wenn die Fakten dagegen sprechen und die Typdynamik bei genauerer Betrachtung gar nicht voll kompatibel mit Jungs ursprünglichen Theorien ist, siehe Studie*. Und obwohl sich Jung auch sehr viel mit absurden und okkulten Dingen beschäftigt hat – z.B. hat er regelmäßig Seancen abgehalten um mit Geistern Verstorbener zu sprechen, und war auch überzeugt davon das diese und andere übernatürliche Dinge wirklich existieren – werden er und seine Theorien auch heute noch von einigen hoch geschätzt und fast schon als Gesetz angesehen, das man nicht brechen darf.
Ich halte es jedoch für übertriebene Verehrung von Jung, moderne Persönlichkeitstheorien an ihm zu messen. Es kann ganz interessant sein sie mit Jung zu vergleichen, um zu sehen was er damals schon richtig erkannt hat und was falsch. Aber man sollte nicht eine Theorie darauf anpassen, ob sie mit Jung vereinbar ist oder nicht. Denn bei aller Wertschätzung für Jung und seine Arbeit: die meisten seiner Theorien folgten seinen Eingebungen und nicht echten Fakten. Dabei lag er teils richtig, aber teils auch falsch. Wie jeder Mensch.

Meine persönliche Erfahrung damit:
Als ich zum ersten Mal auf den MBTI und die dahinter liegenden Funktionen gestoßen bin, dachte ich mir: “Wow! Damit lässt sich genau erklären wie wir Menschen ticken, das is DAS Ding”. Begeistert habe ich mich hineingestürzt und vieles darüber gelernt. Später bin ich dann auf Socionics gestoßen, das die Funktionen etwas anders interpretiert als der MBTI und dachte mir: “Wow! Das ist jetzt das echte Ding, Socionics hat herausgefunden wie es wirklich ist und der MBTI liegt falsch”. Wieder habe ich mit Begeisterung viel darüber gelernt.
Aber wiederum einige Jahre später war von der ganzen tollen Theorie dann irgendwann nur noch der fahle Beigeschmack übrig, das diese Funktionsmodelle – egal ob Socionics oder MBTI – in der Realität nur dann funktionieren, wenn man alles so interpretiert und hindreht das es auf die Theorie passt. Also den Menschen auf die Theorie anpasst, anstatt die Theorie auf den Menschen anzupassen.

Warum also dieses komplizierte, realitätsferne Modell? Viel besser wäre doch ein System das immer passt und mit der Realität übereinstimmt ohne das man es interpretieren oder zurechtbiegen muss. Das den individuellen Menschen berücksichtigt.
Ich würde mich sehr freuen wenn wir ein Modell hätten das die Persönlichkeit und unsere Motivationen wirklich tiefenpsychologisch erklärt. Aber das Funktionsmodell entspricht leider nicht der Realität.

Das große WARUM:

Der Hauptgrund für das festhalten an den Funktionen dürfte der sein, das sie eine (leider falsche) Erklärung dafür bieten wie die menschliche Persönlichkeit funktioniert, welche auch die moderne Wissenschaft mit Big Five und Co. nicht bieten kann.

Mit den Funktionen lässt sich die Persönlichkeit ähnlich wie eine mathematische Formel oder ein geographisches Modell auseinandernehmen und erklären. Jedwedes Verhalten lässt sich mit Hilfe diverser Interpretationen und Deutungen der Funktionen vermeintlich entschlüsseln. Sie bieten eine Antwort auf das große WARUM, darauf wie der Mensch angeblich funktioniert und wie seine Persönlichkeit aufgebaut ist. Leider ist diese Antwort falsch.

Vielleicht ist es ganz gut das wir bisher keine echte Antwort auf dieses WARUM haben, kein starres mathematisches Modell zur Berechnung der Persönlichkeit. Denn so müssen wir uns zwangsweise auf das WER konzentrieren, uns mit den individuellen Stärken, Schwächen und Ausprägungen eines jeden Menschen einzeln befassen, anstatt eine starre Formel auf ihn anzulegen.
Paradoxerweise gehen vermeintlich unpersönliche, wissenschaftliche Modelle wie die Big Five mit ihrer Einschätzung der Persönlichkeitseigenschaften auf einer offenen Skala viel mehr auf die individuellen Unterschiede einer Person ein als psychologische Modelle wie der MBTI, bei denen jedem Mensch zwingend eine bestimmte Eigenschaft, Typ und Funktion zugeordnet wird.

FAZIT:

Die Funktionen funktionieren in der Realität nicht. Ihre Beschreibungen sind einengend und unzutreffend.
Man kann die Typdynamik als Diktator sehen, der allen Menschen vorschreibt wie sie sein sollen. Warum nicht stattdessen eine Demokratie? Statt den Menschen und seine Persönlichkeit mathematisch auseinandernehmen zu wollen, ist eine individuelle Herangehensweise viel sinnvoller. Reynierse und Harker schlagen dazu in der Zusammenfassung ihrer Studien* vor, das bisherige, starre Funktionsmodell des MBTI komplett abzuschaffen. Stattdessen sollte ein Modell geschaffen werden, das im Gegensatz dazu wirklich dynamisch ist. Ein Modell, in dem nicht diejenige Eigenschaft als Stärkste, Wichtigste oder eben Hauptfunktion angesehen wird, die eine starre Formel fälschlicherweise vorgibt. Sondern ganz simpel diejenige Eigenschaft, die auch tatsächlich am Stärksten ausgeprägt ist.

Weiter geht es hier mit Teil 2: Individuelle Typen – eine Alternative zu den Funktionen

Kommentare sind wie immer erwünscht.

Quellen: *Reynierse, James H, The case against type dynamics, Journal of Psychological Type, 2009
Reinterpreting the Myers-Briggs Type Indicator From the Perspective of the Five-Factor Model of Personality, Robert R. McCrae, Paul T. Costa Jr., 1989

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2 Antworten auf Jung & MBTI – der Irrtum von Funktionen und Typdynamik (1)

  1. Moin Lars,

    danke Dir sehr für Deine Beiträge zur Abgrenzung von MBTI und Jungs Typenmodell vs. Big5. Ich stimme Dir als Psychologen-Kollege absolut zu.
    Ich persönlich suche immer noch nach einer Erklärung, warum mich NEO-FFI oder Freiburger Persönlichkeitsinventar nie vom Hocker gehauen und mir nie den Hauch eines Erkenntnisgefühls gegeben haben, das Ergebnis des MBTI und die Erklärung zu meinem Typen dort dagegen schon. Dabei glaube ich eben nicht, dass es der schnöde Forer-Effekt ist, der mich seit etwa 2-3 Wochen viel zur Thematik recherchieren lässt. Im Studium dagegen haben mich Pervin und Persönlichkeitspsychologie nie vom Hocker gerissen.

    Parallel zu meinen Persönlichkeitspsychologie-Recherchen lese ich gerade ein Buch über Systemtheorie in der Psychologie und Medizin von Jürgen Kriz. Zentrale Feststellung dort ist, dass sich in einem chaotischen System (z.B. von Wassermolekülen) durch das Ändern bestimmter Ordnungsparameter (z.B. das Erhöhen der Temperatur) “Attraktoren” etablieren, die auf einer Meta-Ebene bestimmtes Verhalten wahrscheinlicher machen als anderes (im Falle des Wassers sind es Rollenbewegungen, siehe Bénard-Konvektion).

    Ich habe den Eindruck, dass C.G. Jung mit seiner Typologie beim Menschen etwas ganz ähnliches (zumindest zum Teil richtig) erfasst haben könnte, etwas, das dem aristotelischen “Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile” sehr nahe kommt: Statt unendlich viele Ausprägungskombinationen auf vier Dimensionen anzunehmen und zu einem bedröppelten “Jeder ist anders” zu gelangen oder einem nicht minder deprimierend-langweiligen “Intelligenz korreliert schwach mit Introversion”, eröffnen die Jungschen Ansätze Erklärungsmodelle auf einer Meta-Ebene: “Die Wahrnehmung von Emotion richtet sich bei dir nach außen, nicht so sehr nach innen” oder “Du wirst oft für einen Extravertierten gehalten, obwohl Du Dich eigentlich sehr introvertiert fühlst” oder “Verstandsmenschen halten Dich oft für zu gefühlig, während Dich Gefühlsmenschen als viel zu verkopft und logisch sehen”. DAS sind Ergebnisse, die dazu führen, dass man etliche Anekdoten aus der eigenen Biografie damit verbindet, sich an den Kopf schlägt und ein “Wow” nicht verkneifen kann…

    DAS wäre auch etwas, mit dem man Menschen für Psychologie begeistern könnte, statt ihnen zu sagen, dass ihre Gewissenhaftigkeit schwach mit Intelligenz korreliert, was für den Einzelfall betrachtet aber ob des schwachen Effekts nur begrenzt messbar sein dürfte.

    Ich habe irgendwo gelesen, dass Jung zu seinen Dimensionen gekommen ist, indem er sich gefragt hat: in welcher Weise ticke ich wie mein Klient hier – und in welcher Weise ticken wir diametral entgegengesetzt?
    Ich denke, die Psychologie braucht wieder mehr Ansätze, die über Interviews zu Theoriebildung kommt und erst dann überlegt, wie diese Theorien falsifiziert werden könnten. Mehr Meta-Ebene!

    Vielleicht würde es ja helfen, sich zunächst aus einer Stichprobe Extremkandidaten auf den Dimensionen herauszusuchen und dann genau diese in unterschiedliche Versuchsgruppen für psychologische Experimentalanordnungen zu stecken…

  2. Lars Lars sagt:

    Moin Ingo,

    Warum ist der Großteil der Menschen viel interessierter an fiktiven Geschichten, an Kinofilmen und Büchern, als an faktischem Geschichtsunterricht?

    Weil die fiktiven Geschichten komplexe Dinge sehr vereinfacht und komprimiert darstellen. Weil sie keine Rücksicht auf die Realität nehmen müssen, sondern Geschichte(n) so erzählen können, wie es am spannendsten und unterhaltsamsten ist. So wie es unsere Emotionen am stärksten anspricht.

    Obige ist die gleiche Grundlagenfrage wie bei den Persönlichkeitstests, nur in einem anderen Gebiet. Die Realität in Form der Big Five und anderer wissenschaftlicher Tests ist sehr komplex, nicht immer komplett verständlich oder geklärt, schnöde, und oft auch langweilig oder deprimierend.
    Addiert man dazu jedoch etwas Fantasie, fügt fiktive Elemente hinzu, die nicht den Fakten entsprechen, aber den Test oder die Profile spannender machen, und fügt vor allem Dinge hinzu, die unsere Emotionen ansprechen und uns zu Spekulationen anregen, hat man die Antwort: Es gefällt uns besser, wir finden uns gefühlt besser darin wieder und wohler. Das ist der Reiz von MBTI, DISG und Co., oder von reinen Fantasiesystemen wie Horoskopen: Wir WOLLEN, dass sie funktionieren, weil sie uns mehr ansprechen.

    Natürlich ist es der Forer-Effekt. Auf mich hat er über Jahre hinweg gewirkt, was den MBTI angeht. Es ist ganz schön schwer, davon wegzukommen und seine eigenen Gedanken und vorgefassten Meinungen zu überwinden. Auf andere wirkt er Jahrzehnte. Weil wir WOLLEN, dass es stimmt, weil es sich besser anhört als die Realität (Big Five).

    Schöne Grüße
    Lars

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