Von Kunst überwältigt? Das Stendhal-Syndrom und Offenheit für neue Erfahrungen

Für manche Menschen ist der Anblick von Kunst so atemberaubend, dass ihnen schwindlig wird. Ich blicke auf kulturelle Reizüberflutung und kläre ihre Zusammenhänge mit Offenheit, Hochsensibilität und Empfindlichkeit.

Überwältigende Kunst im Louvre, Bild: Dustin Gaffke

Wenn Kunst zu schön ist

Vor kurzem habe ich die sehr ungewöhnliche Tatort-Folge “Im Schmerz geboren” gesehen, die viel eher an Tarantino-Filme oder an die TV-Serie Sherlock erinnert, als an biedere deutsche Kriminalfälle. Einer der Protagonisten darin leidet unter dem äußerst seltenen “Stendhal-Syndrom”: beim betrachten von Kunstwerken überkommen in vor Aufregung Wahnvorstellungen, Panikattacken und Halluzinationen. Was sich wie die clevere Idee eines Autors anhört, gibt es jedoch tatsächlich. Das Stendhal-Syndrom ist ein psychologisches Phänomen benannt nach einem französischen Schriftsteller, siehe Wikipedia. Meine Neugier war geweckt und ich habe ein wenig recherchiert, was es damit auf sich hat.

Die Beschreibung des Stendhal-Syndroms als überwältigende Gefühle und Eindrücke beim betrachten der Schönheit von großen Kunstwerken (Malerei, Architektur, Bildhauerei, etc.) erinnert erstaunlich stark an Beschreibungen der normalen Persönlichkeitseigenschaft Offenheit für neue Erfahrungen, eine der Eigenschaften der Big Five. Auch dort geht es darum, durch die Schönheit von Kunst und Natur emotional bewegt zu werden. Nur eben nicht so extrem wie beim Stendhal-Syndrom. Ist das Stendhal-Syndrom also vielleicht nur eine Nebenwirkung von sehr stark ausgeprägter Offenheit für neue Erfahrungen bei Kunstliebhabern, die beim Anblick von Florenz, Venedig oder der Mona Lisa emotional überwältigt werden?

Eine klare Antwort auf diese Frage findet sich leider nicht. Denn richtig wissenschaftlich untersucht wurde das Stendhal-Syndrom nie. Es herrscht Uneinigkeit darüber, ob es sich überhaupt um ein eigenständiges Phänomen handelt oder lediglich um die Auswirkungen anderen psychischer Erkrankungen, wie Psychosen und Neurosen, die bei unter ihnen leidenden Kunstliebhabern in einem Moment großer Aufregung zu Tage treten – nämlich dann, wenn sie viele beeindruckende Kunstwerke betrachten. Egal ob es sich beim Stendhal-Syndrom nur um eine kuriose Mischung anderer Ursachen oder um ein reales Phänomen handelt: Es gibt und gab tatsächlich Menschen, die darunter leiden, von ihrer Kunstbegeisterung übermannt zu werden.

Auch wenn keine Studien dazu vorliegen, spielt die Offenheit für neue Erfahrungen bei diesen Menschen dennoch mit Sicherheit eine Rolle. Wie groß die ist, bleibt allerdings offen. Vom Stendhal-Syndrom Betroffene konsumieren nicht nur simpel die Eindrücke beim betrachten einzigartiger Werke wie z.B. dem Pantheon in Rom, sondern sie nehmen diese Eindrücke tief in sich auf, lassen sie Emotionen und Gedanken erzeugen, bis hin zu dem Punkt an denen ihnen schwindlig wird. Es tritt eine Art kulturelle Reizüberflutung ein, die in einigen Aspekten an Hochsensibilität erinnert. Auch hier gibt es leider keine Studien zu einem eventuellen Zusammenhang, allerdings ähnelt die Beschreibung von ästhetischer Sensibilität, einem der drei Aspekte von Hochsensibilität, frappierend genau der des Stendhal-Syndroms: bei ästhetischer Sensibilität geht es darum, dass eine Person von ästhetischen und artistischen Eindrücken tief bewegt und oft auch überfordert wird. Während dies bei hochsensiblen Menschen sehr häufig der Fall ist, scheint dies beim Stendhal-Syndrom jedoch nur vorzukommen, wenn es um Kunstwerke von außergewöhnlicher Schönheit geht. Ganz das Gleiche ist es dann also doch nicht. Vielleicht eine Art selektive Hochsensibilität.

Die dritte Persönlichkeitseigenschaft, die hier eine Rolle spielt, ist schließlich Neurotizismus, die Empfindlichkeit gegenüber negativen Emotionen. Menschen mit hohem Neurotizismus sind anfälliger gegenüber negativen Einflüssen, fühlen sich schneller bedroht, können ihre Gefühle nicht so gut kontrollieren und leiden häufiger unter psychischen Erkrankungen. Im Zusammenhang mit der Offenheit für neue Erfahrungen und hoher Sensibilität gegenüber äußeren Reizen ließe sich hiermit eine Erklärung für das Stendhal-Syndrom finden. Einen Menschen mit hoher Offenheit, aber niedrigem Neurotizismus, kann der Anblick von atemberaubender Kunst und Schönheit zwar tief und emotional bewegen, vielleicht auch traurig oder sehr nachdenklich machen, aber es wird ihn nicht so überreizen, dass er gar Wahnvorstellungen oder Panikattacken bekommt. Dazu bräuchte es zusätzlich hoch ausgeprägten Neurotizismus und eine Hochsensibilität gegenüber äußeren Eindrücken.

Mysterium erklärt?

Das Stendhal-Syndrom bleibt weiterhin ein faszinierendes Mysterium, von dem unklar ist ob es überhaupt ein eigenständiges Phänomen darstellt. Durch die Kombination dieser drei Eigenschaften lässt sich jedoch ein wenig Licht darauf werfen und eine plausible Erklärung finden. Ob diese Erklärung stimmt, wird vielleicht die Zukunft zeigen.
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