Paradox: warum kostenlose Persönlichkeitstests besser sind als teure Tests

Auf typentest.de beschäftige ich mich nicht nur mit dem Namensgebenden Typentest, sondern auch mit anderen Persönlichkeitstests aller Art. Dabei ist mir im Lauf der Zeit besonders eines aufgefallen: Tests die Geld kosten, sind oft erfolgreicher, doch besser sind sie nur selten. Woran liegt das?

Bild von  Dominik Meissner, orime.de

Kostenpflichtige Tests: gute Investition oder trojanisches Pferd?

In Unternehmen wird immer nach Wegen gesucht, die Effizienz zu steigern und die Kommunikation beziehungsweise das Teamplay der Mitarbeiter zu verbessern. Da kommen Persönlichkeitstests gerade recht, die diese Dinge und oft noch viel mehr versprechen. Aber auch als Privatperson möchte man gerne mehr über sich selbst und seine Mitmenschen erfahren und steht Unmengen an Persönlichkeitstests gegenüber, deren Qualität bildlich gesprochen vom Marianengraben bis zum Mount Everest reicht. Wenn ich von Persönlichkeitstests rede, meine ich damit ernsthafte Tests, und nicht Facebook Tests ala “Welcher Herr der Ringe Charakter bist du?” oder Tests aus der Wochenzeitschrift oder Tageszeitung. Um das Fazit gleich vorwegzunehmen: Ob ein ernsthafter Test Geld kostet oder kostenlos ist, sagt nichts über dessen Qualität aus.

Was viel kostet ist im Bereich der Tests nicht automatisch besser. Ganz im Gegenteil. Einige der subjektiv schlechtesten und nichtssagendsten Tests sind ausschließlich gegen Bares erhältlich. So z.B. der DISG, der in Deutschland im Unternehmensbereich immer noch sehr verbreitet ist, obwohl er objektiv gesehen keine wissenschaftliche Basis hat und von seiner Aussagekraft direkt mit Sternzeichen vergleichbar ist (siehe hier). Das liegt einzig und allein am geschickten – eigentlich müsste man sogar sagen verlogenen – Marketing, dass Tests als höchst wissenschaftlich präsentiert, die es in Wirklichkeit in keinster Weise sind. Ich will hier gar keine weiteren Beispiele nennen, um solchen oft grauenhaft unwissenschaftlichen – aber ganz anders präsentierten – Tests keine Plattform und unnötige Aufmerksamkeit zu schenken.

Natürlich mag ein geschickter Coach selbst Grütze in Testform gut präsentieren und damit sogar wirklich zu besserer Kommunikation oder Selbstverständnis beitragen. Das liegt dann aber nicht am verwendeten Test, sondern einzig und allein an besagtem Coach und seinen Fähigkeiten. Genauso gut könnte er Tarotkarten verwenden, um die Menschen zum nachdenken über sich und andere anzuregen. Das verwendete Werkzeug ist in so einem Fall nicht viel mehr als ein Placebo (siehe Artikel).

Warum sind gefühlsmäßig und objektiv schlechte Tests dann dennoch populär? Dazu ein sehr anschaulicher Vergleich: der Gallup StrengthsFinder misst verschiedene Stärken, wie z.B. Strategisches Denken oder Empathie, insgesamt sind es 34. Das hört sich nicht nur nach sehr vielen verschiedenen Eigenschaften an, sondern ist auch tatsächlich etwas zu viel und unübersichtlich. Er ist ausschließlich über ein Buch erhältlich, welches 17 Euro kostet und per Code den Zugang zu einem Online-Test ermöglicht, der einem nach durchgeführtem Test die fünf am höchsten ausgeprägten Stärken mitteilt. Allerdings nur diese fünf und ohne genaue Angaben über deren Maß der Ausprägung. Für eine ausführlichere Auswertung soll man nochmal extra zahlen – und zwar wesentlich mehr. Von wissenschaftlicher Seite ist der StrengthsFinder als fragwürdig einzustufen, unabhängige Qualitätsbekundungen gibt es keine, auch wenn das Marketing dazu etwas ganz anderes suggeriert.

Nun gibt es aber noch einen anderen, vom Prinzip her sehr ähnlichen Test für Stärken, den VIA-IS Charakterstärken Test. Von der Zugänglichkeit und den positiv gefassten Beschreibungen der Stärken her, steht er dem Gallup StrengthsFinder in nichts nach. Er testet 24 verschiedene, klarer voneinander getrennte und besser definierte Stärken, ist komplett umsonst, bietet eine vollständige, ausführliche Auswertung und bekam durch mehrere unabhängige wissenschaftliche Studien eine sehr gute Qualität bescheinigt. Einzig seine Auswertungstexte sind nicht ganz so ausführlich wie beim StrenghtsFinder, denn ein Buch zu ihm gibt es nicht. Kurzum: bis auf den Umfang der Texte ist er in allen Punkten besser.

Doch welcher von beiden Tests ist nun wesentlich bekannter, wird häufiger genutzt und erwähnt? Der StrengthsFinder. Wider jeder Logik ist der objektiv schlechtere, kostenpflichtige Test erfolgreicher. Der Grund: weil mit ihm Geld verdient wird. Der VIA-IS ist gratis (im Englischen lassen sich noch zusätzliche Reports kaufen, im Deutschen gibt es dieses Angebot jedoch nicht) während der StrengthsFinder immer kostet. Hinter ihm stehen aufwändiges Marketing und eine Organisation, sowie viele kostenpflichtig lizenzierte Trainer, die damit Geld verdienen müssen, um ihre Ausgaben für die Lizenzierung wieder reinzukriegen. An den Gratis-Tests des VIA-IS verdient dagegen niemand, deswegen wird er auch nicht beworben. Nun lassen sich diese beiden Tests zwar sehr gut vergleichen, haben aber eine vergleichsweise geringe Bedeutung im Bereich der Persönlichkeitstests. Daher widmen wir uns nun zwei wahren Schwergewichten. Dem MBTI und den BIG FIVE.

Der MBTI ist ein aus heutiger Sicht recht archaischer Persönlichkeitstest, der alle Menschen einen von 16 Typen zuordnet. Das ist zwar recht unterhaltsam, entspricht aber nicht der Realität. Denn Zwischentypen sind beim MBTI nicht erlaubt und jeder soll in eine Schublade passen, basierend auf den über 90 Jahre alten Persönlichkeitstheorien von C.G. Jung, einem Zeitgenossen von Sigmund Freud. Genauso wie Freuds psychologische Ergüsse, so sind auch die Annahmen von Jung heute größtenteils überholt und veraltet. Ausnahme: die Definition von Introvertiert und Extrovertiert, die er damals geprägt hat. Dementsprechend ist der auf ihm basierende MBTI aus heutiger psychologischer Sicht nur noch ein Relikt, dass vieles falsch macht, ein wenig richtig und anderes zu sehr vereinfacht. Den Sprung nach Europa hat er nie wirklich geschafft, aber in den USA ist er nach wie vor äußerst beliebt.

So wie viele andere Tests existiert auch das MBTI-System nicht aus Gutmenschentum oder Forscherdrang (was bei seiner Entstehung vor 50 Jahren durchaus anders war), sondern ist ein rein kommerzielles System, das mit Tests und Lizenzierungen Geld erwirtschaften soll. An sich nicht verwerflich. Doch wie bei vielen kommerziellen Tests der Fall, gibt es gerade deswegen kein Interesse an einer Veränderung oder Anpassung des Systems an moderne Erkenntnisse. Das Risiko, das erfolgreiche Geschäftsmodell zu verlieren, ist zu hoch. Rund um das MBTI-System gibt es jedoch viele kostenlose Angebote, die sich qualitativ kaum von den kostenpflichtigen Versionen unterscheiden, denn beide entsprechen nicht mehr dem modernen Wissen über die Persönlichkeit. Hier braucht definitiv niemand Geld für einen Original-Test (egal von welchem Anbieter, also auch nicht GPOP und Co.) ausgeben, nicht nur weil dieser völlig veraltet ist, sondern auch weil er sich kaum von den kostenlosen Varianten unterscheidet.

Auf der wissenschaftlichen Seite haben wir die BIG FIVE, die fünf bedeutendsten Persönlichkeitseigenschaften und den aktuellen Standard der Persönlichkeitsforschung. In Psychologie und Wissenschaft sind sie dermaßen dominant, das in nahezu jeder Studie in der Persönlichkeitseigenschaften eine Rolle spielen, die Big Five genutzt werden. Das sind grob geschätzt mehr als eintausend jedes Jahr. In der Allgemeinheit haben sie trotz regelmäßiger Nennung in der Presse im Zusammenhang von Studien zu vielfältigsten Themen von Empathie über Kreativität bis hin zur Zimmereinrichtung bisher nur mäßige Bekanntheit. Das liegt hauptsächlich an den teils negativ klingenden Beschreibungen der verschiedenen Eigenschaften, was dann manchmal so rüberkommt, als würde man eine schulische Bewertung lesen: da bist du gut, aber hier und hier bist du schlecht. Das kommt natürlich nicht so gut an.

Da es sich wie bei allen wissenschaftlichen Erkenntnissen bei den Big Five um frei zugängliche Informationen handelt, auf deren Basis jeder einen eigenen Test konstruieren kann, lässt sich aufgrund dieser fehlenden Exklusivität nur schwer Geld damit verdienen. Zwar gibt es mittlerweile auch einige kommerzielle Angebote für Big Five Tests, diese befinden sich jedoch in der absoluten Minderheit, generell werden die Big Five weder beworben noch schöngeredet wie andere Tests. In den Unternehmensbereich haben sie dennoch den Einzug geschafft, und zwar aufgrund der enormen Relevanz der gemessenen Eigenschaften, die unter anderem Zuverlässigkeit und Kreativität recht gut einschätzen beziehungsweise für die zukünftige Karriere vorhersagen können.

Nun kommt aber das Entscheidende: Aufgrund der Ausgangssituation sind nicht nur die meisten Big Five Tests kostenlos, sondern wegen der wissenschaftlichen Grundlage sind die Allermeisten davon qualitativ auch noch sehr gut und zuverlässig – wesentlich zuverlässiger als der Großteil an (nicht Big Five basierten) kommerziellen Tests. Woran es mangelt, ist hier vielmehr die sympathische, ausführliche Aufmachung und Präsentation der Ergebnisse. Die ist nämlich meist eher rudimentär und oft alles andere als ermutigend. Ganz im Gegensatz zu kommerziellen Modellen wie dem DISG oder MBTI, wo dem Testteilnehmer in Form von netten Beschreibungen Honig um den Mund geschmiert wird, der sich dann am Ende des Tages jedoch als recht künstlich und inhaltslos erweist. Hier sind Autoren und Coaches gefragt, diese qualitativ hochwertigeren Systeme wie VIA-IS und Big Five in ein besseres Licht zu rücken und sympathischer zu präsentieren. Ich selbst mache das bereits beim kostenlosen Typentest Persönlichkeitstest und in meinem Buch (wo ich übrigens den wissenschaftlichen, ebenfalls sehr hochwertigen und kostenlosen  FIRNI-Test verwende, der die Big Five einschätzt).

Fazit: unser Gehirn lässt sich leicht austricksen, wenn es um Geld geht. Wenn etwas teuer ist, denken wir automatisch, es müsse besser sein. Nur weil etwas (viel) Geld kostet, heißt das jedoch nicht automatisch, dass es besser ist als etwas, das wenig kostet oder kostenlos ist. Das gilt ganz besonders für Persönlichkeitstests. Für den Laien ist meist nur schwer oder überhaupt nicht prüfbar, was wirklich hinter so einem Test steckt. Wie bei Werbung im Allgemeinen gilt jedoch auch hier: umso vollmundiger und größer die Versprechungen, desto weniger steckt meist dahinter. Gerade wenn ein Test als absolut bahnbrechend und neuartig angepriesen wird, ist es meist der größte Unsinn. Denn die echte, seriöse Persönlichkeitsforschung bewegt sich recht langsam und in den letzten zwei Jahrzehnten fast ausschließlich in eine Richtung: zu den Big Five und ihren Variationen. Wenn etwas nicht zumindest Ansatzweise auf diesem Konzept beruht, die Persönlichkeit einschätzen soll und Geld kostet, ist es vermutlich nur eine geschickte Vermarktung und ungefähr so, als würde man ein Auto mit drei Rädern als neueste Errungenschaft der Technik verkaufen wollen. Daher im Zweifel lieber kein Geld ausgeben und zu einer kostenlosen Alternative greifen. Denn wie wir nun gesehen haben:

Kostenlose Tests – die eine wissenschaftliche Grundlage haben – sind wider erwarten vielfach besser als ihre kommerziellen Gegenstücke.

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3 Antworten auf Paradox: warum kostenlose Persönlichkeitstests besser sind als teure Tests

  1. Maria Trepp sagt:

    Vielen Dank für diesen sehr informativen Blog!

  2. Kevin Faßbender sagt:

    Zitat:
    “Das liegt hauptsächlich an den teils negativ klingenden Beschreibungen der verschiedenen Eigenschaften, was dann manchmal so rüberkommt, als würde man eine schulische Bewertung lesen: da bist du gut, aber hier und hier bist du schlecht. Das kommt natürlich nicht so gut an.”

    Hallo lieber Autor, ich habe den Strenghtfinder 2.0 gestern bekommen und direkt alles gemacht, bin begeistert, daher verstehe ich deine Hetze nicht. Selbst wenn man nur Geld damit verdienen will, wenn es den Menschen in ihrem Leben helfen kann, warum nicht? (Wenn du etwas gut kannst, verlang Geld dafür).
    Außerdem stört mich der oben zitierte Satz.
    Es mag sein das es alles klingt, als lese man ein Zeugniss, jedoch ist das doch unwiederruflich der beste Weg um seine Stärken selbst kennen zu lernen. Wenn man beide Seiten, Schwächen und Stärken, gleichzeitig als großes Ganzes betrachtet, wäre es auch Schwachsinn nur einseitig zu beschreiben. Wenn man weiß was man schlecht kann und was man gut kann, hat man mehr vom Leben als wenn man nur eine Extreme kennt. (Prinzip Yin&Yang)
    Mir hat das Buch jedenfalls enorm geholfen, daher werde ich es hier auch aus Prinzip vertreten. :)

  3. Lars Lars sagt:

    In diesem Artikel geht es nicht um den Strenghtsfinder, sondern um das Paradox von kostenpflichtigen Persönlichkeitstests im Allgemeinen. Unter diesen kostenpflichtigen Tests ist der Strenghtsfinder definitiv einer der Besseren. Der Strenghtfinder ist Ok, das größte Problem das ich mit ihm habe, ist allerdings, dass es mit dem VIA-IS einen sehr sehr ähnlichen Test gibt, der objektiv nach wissenschaftlichen Studien einen wesentlich besseren Job macht, eine sinnvoller ausgewählte und besser voneinander abgegrenzte Liste an Stärken umfasst, immer eine Auswertung von der Schwächsten bis zur Stärksten bietet und komplett kostenlos ist.

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