NeuroIPS – was taugt der visuelle Test?

Der NeuroIPS möchte mittels visueller Fragestellungen die Persönlichkeit ermitteln, entpuppt sich aber als Marketing-Luftblase.

Was sagt es über die Persönlichkeit, dieses Katzenbild zu mögen?

Viel Neuro um nichts

Der Markt an Persönlichkeitstests ist groß, qualitativ sehr verschieden, und gerade im Bereich des Marketings wird viel als wissenschaftlich und topaktuell verkauft, dass es in Wirklichkeit gar nicht ist. Da gibt es zum Beispiel den weitverbreiteten DISG, dessen Ergebnisse kaum mehr Wert haben als ein Horoskop, oder den Gallup StrenghtsFinder, der nur durch Mittelmäßigkeit und hohe Preise überzeugen kann, und für den es bessere, kostenlose Alternativen gibt (mehr dazu später). Unter zig Angeboten für Persönlichkeitstests fällt es schwer aufzufallen, gerade weil es im Bereich der Big Five eine Menge hochwertige, kostenlose Alternativen gibt.

Der Persönlichkeitstest Namens NeuroIPS will dadurch punkten, das man keinen klassischen Test mit Fragen beantwortet, z.B. “wie kontaktfreudig sind Sie auf einer Skala von 1-5?”, sondern die Persönlichkeit rein visuell durch das auswählen von Bildern und optischen Aufgabenstellungen eingeschätzt wird. Das hört sich erst einmal recht innovativ an. Doch sobald man hinter die Kulissen blickt, disqualifiziert sich der NeuroIPS. Denn was dieser visuelle Test als Grundlage nutzt, ist einfach nur das exakt gleiche Typensystem wie der 50 Jahre alte MBTI, der wiederum auf den über 90 Jahre alten psychologischen Typen von Carl Gustav Jung beruht. Beides ist heutzutage komplett veraltet und überholt, war schon immer fehlerhaft, und ist so ziemlich genau das Gegenteil eines modernen, wissenschaftlichen Persönlichkeitstests. Das der NeuroIPS – wie in der Werbung dafür beschrieben – auf jahrelanger Forschung seiner Entwickler fußt, kann ich daher nur als Witz verstehen, denn er hat lediglich dieses alte System übernommen. Den NeuroIPS und seine vollmundigen Werbeversprechen ernst zu nehmen, ist allein deswegen kaum noch möglich. Denn ernsthafte Persönlichkeitstests nutzen aktuelle, wissenschaftlich geprüfte Systeme, und nicht Luftschlösser. Doch sehen wir uns den NeuroIPS dennoch näher an.

Unabhängige Studien zum NeuroIPS gibt es leider nicht, obwohl er mittlerweile seit einigen Jahren erhältlich ist. Das ist nicht nur das zweite große Disqualifikationskriterium für einen Test, der sich selbst als wissenschaftlich bezeichnet, sondern macht auch alle Versprechungen des Vertreibers zu Luftblasen. Denn ohne unabhängige Kontrollen und Kritik kann der Verkäufer über den Test und dessen angebliche Qualitäten einfach behaupten, was er will. Zwar gibt es vom Vertreiber des Tests selbstgemachte – nicht unabhängig geprüfte – Studien zu dessen Qualitäten. Interessanterweise sind aber selbst dort die Übereinstimmungen mit den einzelnen visuellen Testitems und den ihnen zugeschriebenen Persönlichkeitseigenschaften nur gering. So gering, das man diese bei einem herkömmlichen, textbasierten Test aufgrund ihrer geringen Aussagekraft nicht verwenden würde.

Unbewusster Unsinn?

Der NeuroIPS möchte das “Unbewusste” messen, sozusagen den Autopiloten unseres Verhaltens. Wer bei überstrapazierten Buzzwords wie “Neuro” und “Unbewusstsein” skeptisch aufhorcht, bekommt recht: beim NeuroIPS handelt es sich keineswegs um einen in Wissenschaft oder Forschung genutzten Test, sondern um ein reines Marketing-Tool. Da kommt es dann nicht so sehr darauf an, was er wirklich kann, sondern hauptsächlich darauf, was er großmündig verspricht. Angeblich werden 95 % aller Entscheidungen unbewusst getroffen und da will der Test ansetzen. Warum er dennoch ein Persönlichkeitssystem nutzt, das ganz normale, veraltete, bewusste Persönlichkeitsmerkmale misst, wissen nur die Entwickler selbst.

Mein Unbewusstes sagt mir, das dieser Test ziemlich nichtssagend ist. Schade, denn das Prinzip eines visuellen Testes hört sich interessant an. In der Praxis funktioniert es allerdings nicht wirklich, denn eine visuelle Fragestellung gilt in der Fachwelt nicht als ernstzunehmende Testmethode, und wird daher bei keinem wissenschaftlichem Persönlichkeitstest eingesetzt. Drittes Disqualifikationskriterium. Aufgrund dessen und durch die Auswahl eines längst überholten, fehlerhaften Persönlichkeitssystems kann man den NeuroIPS nicht ernst nehmen. Ähnlich wie z.B. der GPOP wirkt er so, als wollte jemand mit dem alten, leicht kopierbaren Typensystem von MBTI und C.G.Jung gutes Geld machen, indem man einen anderen Namen draufklebt und eine andere Herangehensweise nutzt. Dafür sollte jedoch niemand Geld ausgeben und es erst recht nicht für ernsthafte Marktforschung nutzen.

Wer einen vernünftigen, tatsächlich wissenschaftlichen Persönlichkeitstest sucht, wird zum Beispiel bei den unzähligen Varianten der Big Five fündig, die ich auch im kostenlosen Typentest Persönlichkeitstest nutze, oder beim ebenfalls kostenlosen Charakterstärken-Test VIA-IS.
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Andere Persönlichkeitstests:
Reiss Profile, Enneagramm, Berufstest

Katzenbild von Kevin Dooley

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