Was taugen reine Internet-Studien?

Viele psychologische Studien werden mittlerweile rein über Fragebögen im Internet erhoben, anstatt mit Hilfe traditioneller Methoden wie Interviews oder schriftlich per Post. Können diese Internet-Studien mit den klassischen Studien mithalten – oder ist ihre Qualität gar höher als die konventioneller Studien?

Ehrliche Antworten gesucht

Eine wissenschaftliche Studie durchzuführen ist in der Regel sehr aufwendig und kostet viel Geld, dass in den knappen Budgets der Forschungseinrichtungen meist nur sehr begrenzt vorhanden ist. Was liegt da näher, als einfach einen Fragebogen ins Internet zu stellen, um schnell und kostengünstig Daten zu erheben. Die finanzielle und zeitliche Ersparnis im Vergleich zu klassischen Umfragen und Interviews ist enorm.

Doch wie jeder weiß, wird im Internet viel Schabernack betrieben und so mancher Teilnehmer antwortet nicht ernsthaft oder sogar absichtlich falsch auf Fragen, siehe Artikel über die Persönlichkeit von Internet-Trollen. Ebenfalls ist fraglich, ob eine zufällige Stichprobe an Menschen aus dem Internet einen guten Querschnitt der Bevölkerung darstellt. Diesen Fragen und Weiteren wurde in einer Studie nachgegangen, welche die Ergebnisse von mehr als 360.000 Teilnehmern von Internet-Befragungen mit denen aus klassischen Studien verglich, bei denen es hauptsächlich um die Big Five der Persönlichkeit ging.

Die Ergebnisse der Internet-Studie zeigten sich dabei qualitativ gleichwertig zu den klassischen Methoden der Befragung. Weder gab es mehr absichtlich falsche Antworten, noch gab es merkbare Unterschiede in den Ergebnissen im Vergleich zu den klassischen Studien. Die Internet-Studien waren aufgrund der wesentlich höheren Teilnehmerzahlen sogar repräsentativer, was zum Beispiel die Geschlechter, das Alter, den Wohnort und verschiedene ethnische Herkünfte angeht, konnten also auch Randgruppen besser erfassen. Als Problem erwiesen sich lediglich wiederholte Teilnahmen der gleichen Personen, was aber durch technische Mittel relativ einfach vermieden werden kann.

Was spricht also gegen Internet-Studien?

Nichts. Die einfache, schnelle und kostengünstige Durchführung bietet für die Wissenschaftler enorme Vorteile. Auch die höhere Anzahl und größere Diversität der Teilnehmer bringt Möglichkeiten mit sich, die klassische Studien nicht oder nur mit sehr hohem Aufwand bieten können. Deshalb greifen zahlreiche Forscher seit langem auf das Internet zurück, um Studien durchzuführen. Auch der Persönlichkeitstest des FIRNI, den ich in meinem Buch verwende, wurde über eine Web-basierte Studie validiert. Ebenso wie unzählige andere Studien zu den verschiedensten psychologischen Themen, z.B. zu Hochsensibilität, Persönlichkeitsstörungen oder Depression. Internetbasierte Studien stehen ihren klassischen Vorgängern der Interviews und Umfragen in kaum etwas nach und bieten Möglichkeiten zur Erforschung vieler Themen, die sonst nicht machbar wären.
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Quelle:
Should We Trust Web-Based Studies? A Comparative Analysis of Six Preconceptions About Internet Questionnaires.; Gosling, Samuel D.; Vazire, Simine; Srivastava, Sanjay; John, Oliver P.; Link

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