Hofstede’s Kulturdimensionen – wie uns die Landeskultur beeinflusst

Österreicher sind am männlichsten, Holländer am weiblichsten, Griechen am Unsichersten. Was die Kultur eines Landes über dessen Bewohner aussagt.

Landesflaggen von shayanlinux / Flickr

Die Kultur unseres Heimatlandes beeinflusst uns in vielerlei Hinsicht. Der niederländische Forscher Geert Hofstede hat in einer internationalen Studie in 50 Ländern die Kultur in Unternehmen untersucht. Herausgekommen sind dabei Hofstede’s vier Kulturdimensionen:

  1. Machtdistanz
    Bezieht sich darauf, wie stark soziale Ungleichheiten akzeptiert werden.

Hohe Machtdistanz in der Kultur bedeutet, dass es große Unterschiede zwischen höher und niedriger gestellten Menschen gibt, die auch erwartet und akzeptiert werden. Niedrige Machtdistanz bedeutet, dass die Macht gleichmäßig oder demokratisch verteilt ist und keine allzu großen Unterschiede zwischen normalen Positionen und Machtpositionen bestehen.
Die höchste Machtdistanz besteht u.a. in Ländern wie Malaysia, Guatemala, Mexiko und arabischen Ländern. Die geringste Machtdistanz besteht in Österreich, Israel, Dänemark und Neuseeland. Deutschland hat ebenfalls einen recht geringen Wert bei Machtdistanz.

2. Individualismus
Bezieht sich auf die Eigenständigkeit und Zugehörigkeit von Menschen.

Hoher Individualismus in der Kultur bedeutet, dass der Fokus von Menschen auf ihrem individuellem Erfolg und persönlichen Rechten liegt. Spezielle Verbundenheit gibt es nur mit der direkten Familie und einigen selbst gewählten Nahestehenden. Geringer Individualismus (= Kollektivismus) bedeutet, dass der Fokus der Kultur von Geburt an auf einer Gruppenzugehörigkeit liegt, das kann z.B. die erweiterte Familie, das Dorf, der Arbeitsplatz und vieles mehr sein. Menschen in kollektivistischen Kulturen sind in großen Familienstrukturen organisiert, deren Ziele und Bedürfnisse als wichtiger angesehen werden, als die des einzelnen Individuums.
Der höchste Individualismus besteht in den USA, Australien, England, Neuseeland, sowie den Beneluxländern und Nordeuropa. Dahinter – im oberen Drittel – kommt Deutschland. Der geringste Individualismus – also Kollektivismus – besteht in mittelamerikanischen Ländern wie Panama und Guatemala. Auch Südostasiatische Staaten wie Südkorea und Taiwan haben niedrige Werte bei Individualismus.

3. Maskulinität
Bezieht sich darauf, ob maskuline Werte und klassische Geschlechterrollen stark ausgeprägt sind.

Hohe Maskulinität in einer Kultur bedeutet einen Fokus auf stereotype maskuline Werte wie materiellen Erfolg, Aggressivität, Ehrgeiz und Konkurrenz. In maskulinen Kulturen gibt es zudem große Unterschiede in den klassischen Geschlechterrollen. Bei geringerer Maskulinität – in femininen Kulturen – sind die Geschlechterrollen dagegen fließender und weniger festgelegt. Dort zeigen Frauen UND Männer mehr Bescheidenheit, Fürsorglichkeit und Fokus auf Beziehungen. Diese Dimension wird auch als Quantität vs. Qualität bezeichnet, wobei Quantität für maskulines Verhalten steht und Qualität für feminines Verhalten.
Die höchste Maskulinität herrscht in Japan, Österreich, der Schweiz, Italien und Venezuela. Deutschland kommt dicht dahinter und ist noch in der Top 10 der maskulinsten Länder. Die geringste Maskulinität herrscht in den nordeuropäischen Ländern Schweden, Dänemark und Norwegen, sowie in den Niederlanden. Dort sind die Geschlechterrollen weit weniger streng festgelegt und stattdessen offener und fließender.

4. Vermeidung von Unsicherheit
Bezieht sich darauf, ob unsichere Situationen und Veränderungen als Bedrohung gesehen oder akzeptiert werden.

Hohe Vermeidung von Unsicherheit in einer Kultur bedeutet, dass mehr Angst und Stress bei Unklarheiten, Veränderungen und Situationen ohne klare Regeln besteht. Solche Situationen werden daher vermieden durch Verhaltensregeln, Gesetze und Vorschriften. Eine geringe Vermeidung von Unsicherheit bedeutet, dass in der Kultur Unklarheiten und Veränderungen keine Probleme bereiten. Man ist pragmatisch, kann gut mit Änderungen und fehlenden Strukturen umgehen und nutzt möglichst wenige Regeln.
Die höchste Vermeidung von Unsicherheit gibt es in Griechenland, Portugal und Guatemala. Deutschland liegt ziemlich genau in der Mitte. Die geringste Angst vor Unsicherheit gibt es in Singapur, gefolgt von Jamaika, Dänemark und Schweden.

Wirklich aussagekräftig?

Bei den Kulturdimensionen von Hofstede geht es nicht konkret um die Persönlichkeit des Einzelnen, wie z.B. im Typentest Persönlichkeitstest, sondern mehr um die allgemeine Kultur eines Landes und wie sie die Menschen dort beeinflusst. Über einzelne Personen sagen sie daher nicht allzu viel aus, wohl aber über das generelle Verhalten in dem Land, aus dem die Person kommt, über Werte und Erwartungen. Diese Kulturdimensionen können also durchaus hilfreich sein für das Verständnis und den Umgang mit Personen aus anderen Kulturkreisen. Zum Beispiel zeigen sie, dass in einer femininen Kultur mehr Wert auf Rücksicht, Empathie und Altruismus gelegt wird, als auf Konkurrenzdenken und Status. Das in einer Kultur mit großer Angst vor Unsicherheit Kreativität nicht überall erwünscht ist, oder das in einer Kultur mit größerer Machtdistanz klare Ansagen von oben erwartet werden, wogegen bei geringer Machtdistanz eher die hierarchiefreie Kommunikation auf gleichberechtigter Ebene gesucht wird.

Später wurde Hofstedes Dimensionen noch die langfristige Ausrichtung vs. kurzfristige Ausrichtung hinzugefügt: langzeitorientierte Kulturen konzentrieren sich mehr auf die Zukunft. Sie legen Wert auf Sparen, Belohnungen, Ausdauer und mögliche Veränderungen. Kurzzeitorientierte Kulturen konzentrieren sich mehr auf die Gegenwart und die Vergangenheit. Sie legen Wert auf Tradition, Beständigkeit, Erhaltung und soziale Verpflichtungen. Zur dieser Dimension liegen jedoch nicht so viele Daten vor wie zu den Ursprünglichen.

So interessant diese Kulturdimensionen sind, so viel Vorsicht ist allerdings auch in ihrer Bewertung geboten. Die Daten zur ursprünglichen Studie wurden von Geert Hofstede zwischen 1967 und 1973 anhand von 117.000 IBM Mitarbeitern erhoben, die in 50 verschiedenen Ländern in IBM Niederlassungen tätig waren. Das ist auch der größte Kritikpunkt an Hofstedes Kulturdimensionen: die Daten sind recht alt und viele Kulturen könnten sich mittlerweile deutlich verändert haben. Zudem wurden die Daten nicht in der Durchschnittsbevölkerung erhoben, sondern nur bei Arbeitnehmern in Niederlassungen eines einzigen Unternehmens: IBM. Hier muss kritisiert werden, dass der meist männliche, gut gebildete, in der Technologiebranche arbeitende Mitarbeiter von IBM nicht den Normalbürger des jeweiligen Landes darstellt. Andererseits gibt es bis heute auch kein besseres Modell, welches landestypische Kulturunterschiede ähnlich umfangreich darstellt. Hofstedes Kulturdimensionen sind daher ein zweischneidiges Schwert: sie sind die umfangreichste Kultur-Analyse, die wir haben, aber sie sind nicht repräsentativ und daher mit Vorsicht zu genießen.
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Weitere Informationen:
In der englischen Wikipedia findet sich ein sehr umfangreicher Eintrag zu Hofstedes Kulturdimensionen. Einen deutschsprachigen Wikipedia-Eintrag gibt es leider nicht.
Geert Hofstedes akademische Webseite: geerthofstede.nl

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