Die Sucht nach Onlinespielen

Bild von Patrick Brosset / Flickr

Bestimmte Persönlichkeitseigenschaften zeigen eine erhöhte Gefährdung für Onlinesucht

Die Sucht nach Onlinespielen kann ähnlich wie die Sucht nach Glücksspielen ein ernsthaftes Problem darstellen, dessen Einfluss nicht zu unterschätzen ist und das bei weitem nicht nur Nerds betrifft. Die meisten denken bei diesem Thema zuerst an Onlinerollenspiele wie World of Warcraft, aber auch Shooter wie Call of Duty und Halo, Browserspiele wie World of Tanks (das aktuell meistgespielte Onlinespiel der Welt), oder simple Facebook Spiele wie Farmville zählen in diese Kategorie und können ebenfalls zu Suchtverhalten führen.

Von Spielesucht spricht man, wenn eine Person ihr Verhalten im Bezug auf diese Spiele nicht mehr unter Kontrolle hat, extrem viel spielt, soziale, berufliche und andere Verpflichtungen vernachlässigt oder gar komplett außer acht lässt. Wer ein komplettes Wochenende durchzockt, ist noch nicht spielesüchtig. Ähnlich wie bei Persönlichkeitsstörungen wird dieses Verhalten dann richtig problematisch, wenn es über einen längeren Zeitraum regelmäßig auftritt, und von der betroffenen Person nicht mehr willentlich kontrolliert werden kann. In einer Studie* aus 2008 wurden die Zusammenhänge von Spielesucht und der Persönlichkeit untersucht. Zur Charaktereinschätzung verwendete man das wissenschaftliche Modell der Big Five.

Onlinespiele-Sucht & Persönlichkeit

Am meisten gefährdet sind Menschen mit hoher Extroversion und hohem Neurotizismus (Empfindlichkeit). Diese beiden Eigenschaften zeigen eine erhöhte Tendenz zu unkontrolliertem Spielen und dadurch entstehenden sozialen Problemen.

Es mag erst einmal verwunderlich klingen, dass kontaktfreudige und gesellige Menschen die extrovertiert sind, leichter Onlinespielen verfallen. Doch die Erklärung ist ganz simpel: bei den meisten Onlinegames ist der Kontakt zu anderen Spielern – in der Regel durch Text- oder Sprach-Chat – eines der zentralen Elemente des Spiels. Für viele Spieler ist das eigentliche Spiel nur Mittel zum Zweck, welcher der Kontakt zu anderen ist, das Zusammenspielen oder Austauschen mit Menschen aus ganz Deutschland oder der ganzen Welt. Der Reiz für extrovertierte Menschen liegt auf der Hand: schneller und einfacher Kontakt zu vielen Gleichgesinnten. Kombiniert mit der Erkenntnis, das Extrovertierte stärker nach Belohnungen, Aufregungen und positiven Erlebnissen suchen als Introvertierte, wird klar, warum Onlinespiele für sie besonders reizvoll sind. Denn Spiele bieten Belohnungen am laufenden Band – garantiert und automatisch (siehe dazu der Artikel: Prokrastination, Videospiele und sofortige Belohnungen).

Die zweite Eigenschaft, die Zusammenhänge mit einer Gefährdung für Spielesucht zeigt, ist Neurotizismus. Das ist wenig überraschend, denn Menschen mit einer hohen Ausprägung der Empfindlichkeit sind auch allgemein anfälliger für Suchtverhalten, da sie stärker auf negative Einflüsse reagieren und diese schlechter – oder im Extremfall gar nicht – unter Kontrolle bringen können. Sie können ihre negativen Emotionen nicht so gut beeinflussen, weswegen sie schädlichem Verhalten schwerer entkommen. Natürlich können auch Menschen mit jedweden anderen Persönlichkeitseigenschaften einer Onlinespielesucht verfallen, aber diese beiden Gruppen zeigen eine deutlich stärkere Tendenz dazu, als andere.
Untersucht wurde jedoch nur das Verhalten bei Onlinespielen. Es ist daher davon auszugehen, dass bei zeitintensiven Singleplayer Spielen, wie z.B. Minecraft oder Civilization, die Ergebnisse etwas anders aussehen. Ich vermute, das hier Introvertierte eher gefährdet sind, da diese Spiele typischerweise im einsamen Kämmerchen gespielt werden und oft auch keine Ablenkung von außen dulden. Vielleicht gibt es dazu in Zukunft ja noch weiterführende Studien.

Koreanische Spielekultur

Die Studienteilnehmer der Untersuchung zu Onlinespielen waren allesamt Studenten an einer koreanischen Universität. Wer sich ein wenig mit Spielekultur auskennt, weiß, dass man in Korea ein anderes Verständnis für Videospiele hat als in Deutschland oder Europa. Videospiele genießen dort eine höhere Akzeptanz als hier zu Lande und werden wesentlich ernster genommen. Extreme Ausmaße hat dies beim Strategieklassiker Starcraft: für Profi-Spieler ist Starcraft-spielen ein Beruf und die Besten unter ihnen genießen einen ähnlichen Ruf wie Spitzensportler bei uns – große Turniere, Fans und hohe Preisgelder inklusive. Auch Videospielsucht ist in Korea viel weiter verbreitet als bei uns. So gab es sogar schon mehrere Todesfälle, weil Spieler ihre körperlichen Bedürfnisse wegen exzessiven Spielens außer Acht gelassen hatten. Aufgrund dieser kulturellen Differenzen ist klar, das man in Südkorea ein anders Verhältnis zu Computerspielen hat, als hierzulande. Deswegen lassen sich die Ergebnisse der Studie auch nicht 1:1 auf Deutschland übertragen, liefern aber dennoch interessante Anhaltspunkte.

Ich selbst spiele häufig und gerne, und “suchte” auch manchmal – allerdings im gesunden Rahmen und vornehmlich Einzelspieler-Spiele wie z.B. Civilization oder diverse Tower Defense Spiele. In der Anfangszeit von World of Warcraft habe ich auch einige Monate online gespielt, und kann daher den Suchtfaktor, den diese Spiele ausüben, gut verstehen. Das diese Sucht entstehen kann, ist jedoch nicht die Schuld der Spiele, sondern entscheidend ist unser Umgang mit ihnen. Denn zu viel ist selten gut, egal ob Schokolade, Alkohol, oder Spiele.
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Prokrastination, Lethargie

*Quelle:
Perception and addiction of online games as a function of personality traits; S Huh, ND Bowman; Journal of Media Psychology; 2008

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