Glaubenssache: ist unsere Persönlichkeit nur Zufall oder gibt es einen Plan dahinter?

Gibt es einen Plan für unsere Persönlichkeit, ein festes Modell nach dem sie funktioniert, oder ist sie nichts anderes als eine zufällige Anhäufung verschiedener Eigenschaften aus dem Überraschungsei?

S. Hofschlaeger / pixelio.de

Eine bunte Mischung Persönlichkeit

Es liegt in der Natur des Menschen, für alles Erklärungen zu suchen: warum ist das Gras grün und die Banane krumm? Auf viele der uns unter den Fingern brennenden Fragen haben wir klare Antworten gefunden, wissen z.B. dass es uns aufgrund der Schwerkraft Richtung Boden zieht und wissen auch, wie diese Schwerkraft entsteht. Auf andere Fragen haben wir dagegen bisher keine eindeutigen Antworten, sondern nur vage Theorien, z.B. zur Entstehung des Universums oder des Lebens. Diese Theorien lassen uns aufgrund ihrer Unklarheiten oft mit einer gewissen Orientierungslosigkeit zurück, die uns dazu bringt, Antworten abseits der Wissenschaft zu suchen, z.B. in philosophischen Überlegungen. So ist es auch bei unserer Persönlichkeit: im Detail lassen sich die meisten unserer Verhaltensweisen mittlerweile wissenschaftlich begründen. Eine zusammenfassende Erklärung für unsere Persönlichkeit als großes Ganzes ließ sich bisher jedoch nicht finden.

Die Wissenschaft bietet uns als Erklärung für unsere Persönlichkeit eine Anhäufung verschiedener, durchaus recht genau messbarer Eigenschaften, z.B. Extroversion. Sie zeigt uns, wie sich diese äußern und welche Verhaltensweisen sie bei uns auslösen. Die Evolutionstheorie kann zudem bei vielen Eigenheiten im Verhalten erklären, woher sie – wahrscheinlich – kommen. Das ist schön und gut, aber viele Menschen fragen sich, ob unser Verhalten wirklich nur ein zufällig zusammengewürfelter Topf an Eigenschaften ist, oder ob ein größerer Plan dahinter steckt, der alle diese Eigenschaften zu einem Gesamtkonzept vereint. Dazu ein Zitat, dass sich eigentlich um das Thema Religion dreht, welches aber auch sehr gut auf Anderes passt, für das wir keine eindeutige Erklärung haben:

“Ich glaube, dass sowohl Religion als auch Verschwörungstheorien dem selben menschlichen Bedürfnis entstammen, dass das Leben nicht zufällig ist… und zwar unserem Bedürfnis nach dem Gefühl, dass jemand oder etwas die Fäden zieht. Die Idee das alles Zufall ist, ist für die meisten Menschen ein Furcht einflößender Gedanke…”
~ Autor Dan Brown in einer interaktiven Fragerunde.

Genau dieses Bedürfnis einer Erklärung, die mehr bietet als nur eine Anhäufung von Zufällen, haben wir auch bei unserer Persönlichkeit.

Evolution des Zufalls?

Nach aktuellem Wissensstand der Persönlichkeitsforschung (siehe dazu z.B. die Publikationen von Daniel Nettle oder hier) lässt sich sagen, dass unsere Persönlichkeit ein Ergebnis der Evolution ist – genauso wie der Großteil unserer natürlichen Verhaltensweisen, z.B. das Paarungs- oder Essverhalten. Das bedeutet, sie hat sich über viele tausend Jahre und Generationen zu dem entwickelt, wie sie heute ist. Dabei hat jeder Mensch unterschiedlich starke Ausprägungen in diesen evolutionsbedingten Eigenschaften, ist z.B. mehr oder weniger extrovertiert. Das hat den simplen Grund, dass jede Eigenschaft Vor- und Nachteile mit sich bringt: stark extrovertierte Menschen sind z.B. kontaktfreudiger, aber auch risikobereiter. Introvertierte sind dagegen zurückhaltender und vorsichtiger. Beides kann in entsprechenden Situationen vor- oder nachteilig sein. Da es unterschiedliche Anforderungen im Leben gibt, brauchen wir für jedes Problem die passenden Fähigkeiten, sozusagen für jede Aufgabe ein passendes Werkzeug. Jeder Mensch trägt alle diese Werkzeuge der Persönlichkeit in sich, nur eben in unterschiedlich starker Ausprägung. Ähnlich wie es auch mit körperlichen Merkmalen ist: jeder von uns hat Augen, Ohren und Arme. Wie die genau aussehen, wie stark sie sind und wie gut wir sie einsetzen können, ist aber bei jedem anders. So ist es auch bei der Persönlichkeit: zum Beispiel sind manche Menschen sehr mitfühlend und kooperativ, andere eher wenig und zeigen diese Eigenschaft nur in bestimmten Situationen oder mit bestimmten Menschen.

Diese durch die Evolution entstandenen Eigenschaften sind alles andere als zufällig, sondern haben sich durch Adaption (=Anpassung) an unsere Umwelt über tausende von Generationen hinweg entwickelt. Allerdings sind sie nicht durch die Vorgaben eines festen Planes oder Zieles entstanden, sondern durch die Bedürfnisse und Notwendigkeiten des alltäglichen (vorzeitlichen) Lebens, die unsere Umwelt an uns gestellt hat. So war es für die Menschheit von Vorteil, wenn es sowohl Menschen gab, die ausdauernd und geplant auf ihre Ziele hingearbeitet haben, als auch solche, die lieber spontan das machen, was ihnen gerade in den Sinn kommt. Unsere Persönlichkeit ist im Sinne der Evolution eine Art Werkzeugkasten, in dem sich für alle möglichen Anforderungen das Passende findet. Manche Menschen haben darin vorrangig feine Schraubenzieher, andere grobe Hämmer. Doch das klärt immer noch nicht vollständig die Frage, ob wir diesen Werkzeugkasten denn nun anhand eines klaren Bauplanes erklären können, oder ob er nur ein Sammelsurium voneinander unabhängiger Eigenschaften ist, die uns damals in grauer Vorzeit irgendeinen Vorteil gebracht haben, und deren Existenz ganz simpel dem Überleben und der Fortpflanzung dient. Im Zuge dessen haben viele Menschen versucht, diesem Sammelsurium unserer Persönlichkeit eine Bedeutung zu geben.

Erklärungsversuche

Im Laufe des letzten Jahrhunderts haben sich zig verschiedene Modelle zur Erklärung unserer Persönlichkeit entwickelt (siehe dazu auch die Geschichte der Persönlichkeitstests). Eine Armada an Psychologen hat sich daran versucht, unser Verhalten zu entschlüsseln. Dabei lassen sich grob zwei verschiedene Arten von Erklärungsmodellen unterscheiden:

  • 1. Evidenzbasierte (= beweisbare)
    Das sind Modelle, die konkret unser Verhalten in der Realität beobachten und dieses in verschiedenen Persönlichkeitseigenschaften zusammenfassen, z.B. die Big Five. Erst nachdem man diese messbaren Eigenschaften gefunden hatte, wurden Erklärungen und dahinter liegende Konzepte für diese gesucht. Im Falle von z.B. Extroversion, dass kontaktfreudige Menschen von Natur aus einen größeren Drang nach positiven Erlebnissen haben und diese stärker ausleben als zurückhaltende, introvertierte Personen. Zu diesen verhaltensbasierten Modellen gehören alle mit den Big Five verwandten Modelle, sowie einige unbekanntere, wie das Reiss Profile.
  • 2. Konzeptbasierte (= aus einer Theorie konstruierte)
    Das sind Modelle, die davon ausgehen, dass es einen übergeordneten “Plan” unserer Persönlichkeit gibt, ein klar fassbares Konzept, nach dem sie funktioniert, in das sich alle Menschen und Eigenheiten des Verhaltens einordnen lassen. Bei diesen Modellen werden Eigenschaften und Typen künstlich erschaffen. Und zwar danach, was man für sinnvoll erklärbare Konzepte hält. Natürlich spielt auch bei diesen Modellen die Beobachtung des Verhaltens eine Rolle. Aber dieses Verhalten wird nicht einfach notiert, sondern es wird interpretiert, und versucht, es einem psychologischen oder philosophischen Konzept unterzuordnen, z.B. dem der mystischen Intuition bei C.G. Jung, oder dem von Herz, Kopf und Bauch beim Enneagramm. Das diese Konzepte mit realen Beobachtungen oft nicht übereinstimmen, in der Realität vielleicht gar nicht konkret beobachtbar und messbar sind, oder sich nicht jeder Mensch darin wiederfindet, spielt dabei keine Rolle. Denn hierbei geht es nicht so sehr um das tatsächlich sichtbare Verhalten eines Menschen, sondern um übergeordnete, meist nicht konkret greifbare Konzepte, die (unsichtbar) dahinter stehen, z.B. die Idee, das verschiedenes Verhalten der rechten oder linken Gehirnhälfte zugeordnet werden kann (was sich übrigens als falsch erwiesen hat, siehe Gehirnhälften-Mythos). Das ist auch der Grund, warum solche Modelle in Forschung und Wissenschaft nur wenig oder gar nicht beachtet werden. Denn kann man etwas nicht konkret nachweisen, dann lässt sich damit auch nichts erforschen, z.B. ob eine Eigenschaft mit einem bestimmtem Verhalten zusammenhängt, sich bei bestimmten Gruppen von Menschen besonders oft zeigt, chemische, biologische oder neurologisch messbare Zusammenhänge hat (was bei evidenzbasierten Modellen dagegen möglich ist, da diese sich auf messbare Aussagen stützen).  Zu diesen konzeptbasierten Modellen gehören der MBTI und alle anderen auf C.G. Jung aufbauenden Varianten, sowie das Enneagramm, Disg und viele mehr. Hokuspokus wie Sternzeichen und Geburtshoroskope gehören ebenfalls in diese Kategorie, wobei diese im Gegensatz zu den vorher genannten Modellen gar keinen Bezug zur Realität haben.

Zwei Seiten der Medaille

Während die erstgenannten, evidenzbasierten Modelle unsere Persönlichkeit ungeschönt so beschreiben, wie sie ist, versuchen die Zweitgenannten einen tieferen Sinn darin zu finden. Sie konstruieren Erklärungen und Pläne für unser Verhalten. Doch können wir diesen Erklärungen vertrauen, wenn sie nicht auf real messbaren Tatsachen beruhen, bzw. nur zum Teil? Manche davon klingen zumindest auf den ersten Blick schlüssig und orientieren sich an teilweise messbaren Annahmen, wie viele der bis heute beliebten Konzepte C.G. Jungs, andere sind dagegen von vornherein Kokolores, wenn z.B. anhand der Gesichtsform oder der Lieblingsfarbe auf die Persönlichkeit geschlossen wird.
Ein Mittelweg zwischen Beidem verspricht zumindest teilweise zufrieden stellende Antworten, weswegen sich viele evidenzbasierte Modelle ein paar Schritte in die konzeptuelle Richtung wagen, um Forschungsergebnissen mehr Bedeutung zu geben und sie in einem vagen übergeordneten Plan darzustellen. Dies hat man bei den meisten Varianten der Big Five gemacht und auch ich mache dies beim Typentest Persönlichkeitsest, um die Persönlichkeit verständlicher darzustellen und die einzelnen Eigenschaften anhand greifbarer Konzepte zu erklären, wie z.B. die gesteigerte Empfindlichkeit bei Neurotizismus.

Glaubenssache

Wenn wir also eine Erklärung suchen, die über die reine Wissenschaft hinausgeht, was dann? Nach aktuellem Stand bleibt dazu nur zu sagen: ob wir die Persönlichkeit für einen zusammengewürfelten Haufen an Eigenschaften halten oder ob es einen übergeordneten, allem zu Grunde liegenden Plan für unser Verhalten gibt, ist Glaubenssache. Denn bisher gibt es keine Beweise dafür, dass unser Verhalten einem höheren Gesamtkonzept folgt – anstatt eine Anhäufung verschiedener evolutionär entwickelter psychologischer Mechanismen zum Umgang mit unserer Umwelt zu sein. Deshalb bleibt auf wissenschaftlicher Seite derzeit nichts anderes, als nachweisbare Erklärungen für diese Mechanismen zu suchen und sie in möglichst sinniger Weise zu ordnen.

Mehr zum Thema Evolution der Persönlichkeit, sowie evolutionäre Hintergründe aller Eigenschaften finden sich in meinem Buch Menschenkenntnis – der große Typentest.

Verschiedene Mechanismen unserer Persönlichkeit:
Empathie, Persönlichkeitsstörungen, Prokrastination, Altruismus, Lethargie, Schüchternheit

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2 Antworten auf Glaubenssache: ist unsere Persönlichkeit nur Zufall oder gibt es einen Plan dahinter?

  1. snappyshort sagt:

    Diese Diskussion kommt mir irgendwie bekannt vor! ;-)

    Finde ich gut, dass du das in einem ausführlichen Artikel nochmal aufgegriffen hast! Liest sich gut und flüssig und ist auch sehr ausgeglichen in der Darstellung (sehr wissenschaftlich :-) ).

    Ich komme auch immer mehr zu der Einsicht, dass es im Prinzip zwei Strömungen in diesem Bereich gibt, ähnlich den Geistes- und Naturwissenschaften. Also die Innen- (Jung und Co.) und die Außensicht (Big Five und Co.). Und obwohl ich sehr an einer Synthese interessiert wäre, vermute ich fast, dass es diese nicht wirklich geben kann/wird.

    Denn was “innen” ist, kann sich maximal nur durch den Weg der Interpretation erschließen, was zum einen nicht jeder kann (bei sich selbst oder bei anderen) und was zum anderen NIE eindeutig überprüfbar sein kann!

    Und was “außen” ist, wird vermutlich nie so etwas wie ein “warum” klären können, ohne eben den oben genannten Weg der Interpretation zu beschreiten. Und dabei würde man eben nicht mehr konkret Dinge “messen” können.

    Witzig ist dabei anzumerken, dass damals C.G. Jung genau wegen dieser “wissenschaftlichen Diskrepanzen” zwischen sich selbst, Freud und Adler (und historischen Beispielen) auf seine Theorie kam. Eben um zu erklären, wie zwei Psychologen mit genau dem gleichen Daten-Material völlig unterschiedliche Erkenntnisse gewinnen konnten! ;-)

  2. Lars Lars sagt:

    Hi snappyshort,

    jup, dieses Thema ist mir schon länger auf den Fingern gebrannt und wurde auch von anderen immer mal wieder per Email angesprochen. Ist spannend und eben nicht so einfach zu beantworten, denn ohne Interpretation bleibt alles nur schnödes, wenig hilfreiches Datenmaterial und mit reiner Interpretation verschwurbelt man sich schnell in irgendetwas, dass nichts mehr mit der Realität zu tun hat. Man braucht also etwas von Beidem…

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