Was falsch läuft beim MBTI

Warum das Ende des MBTI aus fachlicher Sicht längst überfällig ist und warum Adam Grant für die Big Five genau das vorschlägt, was ich beim Typentest mache.

Der MBTI: nichts als heiße Luft?

Der MBTI ist ein über 50 Jahre altes Persönlichkeitsinstrument auf Basis der Typologie Carl Gustav Jungs aus den 1920er Jahren. Im Test und der Theorie wird jeder Mensch fest einem von 16 Typen zuordnet, Zwischentypen order Ausnahmen gibt es nicht. Aufgrund seines hohen Alters und fehlender Anpassungen an aktuelle Erkenntnisse ist seine Anwendung sehr zweifelhaft, in den USA ist er aber immer noch der mit Abstand am meisten genutzte Persönlichkeitstest im nicht-wissenschaftlichen Bereich.

Adam Grant, seines Zeichens Professor für Organisationspsychologie in den USA, Buchautor und für seine Forschungen zum Thema Altruismus bekannt geworden, hat einen Artikel und einen Folgeartikel darüber geschrieben, warum der MBTI eine „Modeerscheinung ist, die nicht ausstirbt“ und warum er mit dem MBTI „Schluss macht“.  Grants Kommentare als kritisch oder kontrovers zu bezeichnen wäre falsch, denn sie sprechen nur lange bekannte, allerdings für Manchen unbequeme Wahrheiten aus. Grant spricht wie man so schön sagt Tacheles. Und zwar darüber, was alles falsch läuft im System des MBTI. Damit ist er nicht der einzige, denn auch im Guardian und bei Fortune gab es dieses Jahr bereits ähnliche, viel beachtete Artikel über die Unzulänglichkeiten des MBTI.

Was falsch läuft:

Die Hauptgründe gegen den Einsatz des MBTI: Unwissenschaftlichkeit, dogmatische Einteilung in Typen ohne Abstufungen, fehlerhafte Definitionen der Persönlichkeitsdimensionen, und das ignorieren moderner Erkenntnisse der letzten 30 Jahre. Alles Gründe, die auch ich in meiner Kritik am MBTI immer wieder aufführe. Dementsprechend stimme ich Adam Grants Ausführungen auch voll und ganz zu.

„Handlesen und Horoskope können auch zu Einsichten führen. Das bedeutet aber nicht, dass wir über diese Dinge auf der Arbeit in unseren Teams sprechen sollten.“

Einen Grund für die in den USA trotz all dieser Gründe noch so hohe Popularität des MBTI sieht Grant u.a. darin, dass „tausende Menschen Zeit und Geld darin investiert haben, MBTI-zertifizierte Trainer zu werden“. Eine solche Zertifizierung kostet meist deutlich über 1.000 $, was bedeutet, dass die Trainer und Coaches jede Menge Tests an ihre Kunden verkaufen müssen, um dieses Geld wieder herein zu bekommen und noch mehr, um damit Gewinn zu machen. Ein cleveres Marketing-Schema, dass deutlich zeigt, worum es beim MBTI vornehmlich geht: nicht um die Hilfe zur Selbsterkenntnis (denn sonst würde man das System ja tatsächlich verbessern und anpassen), sondern um eine kommerzielle Geldmaschine.

„Wenn du mich zurück willst, musst du dich auch ändern!“

Im Folgeartikel beschreibt Grant seine persönliche „Liebesbeziehung“ zum MBTI. Wie er in der High School Bekanntschaft mit ihm geschlossen hat und über Jahre begeistert war, aber wie langsam der Bruch mit ihm kam, da der MBTI nicht bereit war, sich anhand moderner Wissenschaft anzupassen, und sich stattdessen bis heute auf der antiquierten, unwissenschaftlichen Armlehnen-Psychologie C.G. Jung’s ausruht. Grant vergleicht dies mit der katholischen Kirche, die viel zu lange an ihrem Glauben festhielt, dass die Sonne sich um die Erde dreht – und nicht umgekehrt. Die zentrale Frage die er dabei stellt: warum ändert sich der MBTI nicht, wenn man doch bereits seit Jahrzehnten weiß, dass so vieles bei ihm falsch läuft? Bezeichnend ist, dass viele von Grants Kritikpunkten bereits vor 50(!) Jahren in mehreren Studien (hier und hier) von Stricker und Ross mit deutlichen Worten angesprochen wurden – lange vor der Existenz der Big Five. Ernst genommen wurde diese Kritik von MBTI-Seite jedoch nicht – man war damals wie heute zu resistent gegen notwendige Veränderungen.

Vergebliche Liebe

Adam Grants persönliche Erfahrungen decken sich erstaunlich gut mit meinen eigenen: auch ich habe in meiner Jugend im ähnlichen Alter wie er Bekannschaft mit dem MBTI geschlossen (Anmerkung: Adam Grant ist ein Jahr vor mir geboren), war Anfangs begeistert und fasziniert von dieser Art und Weise, Persönlichkeit zu erklären. Wie Grant bin auch ich im Laufe der Zeit immer mehr auf die Limitationen, klaren Fehler und fragwürdigen Aussagen im System des MBTI gestoßen. Setzt man sich von wissenschaftlicher Seite mit ihm auseinander, so merkt man bald, dass beim MBTI so viel falsch läuft, dass fast nichts mehr zu retten ist. Wie bei einem alten Gebrauchtwagen, bei dem so viel im Argen liegt, dass er sich nicht mehr zu reparieren lohnt. Warum also nicht gleich einen neuen Wagen kaufen?

Alles Neu machen die Big Five

Dieser neue Wagen ist im Bereich der Persönlichkeitsmodelle zweifellos das System der Big Five (und dessen Variationen wie Hexaco). Wissenschaftlich ist es das Beste, was die Persönlichkeitspsychologie derzeit zu bieten hat. Dazu kommt – man glaubt es kaum – , dass die Big Five noch nicht einmal etwas kosten. Sie sind umsonst. Dennoch sind sie nach wie vor nicht besonders beliebt (in den USA führen die Big Five im populärpsychologischen Bereich und der Laienpsychologie nach wie vor ein Schattendasein hinter dem MBTI, in Deutschland sind beide nicht besonders bekannt). Denn: sie sind ein hässliches Entlein, dass muss man leider so sagen. Da die Big Five nicht auf einem kommerziellen System beruhen, macht niemand Marketing für sie. Es gibt keine wohlklingenden Slogans und keine Werbebroschüren mit vollmundigen Versprechen, Auflistungen ihrer Vorteile und Anekdoten (was es beim MBTI alles zentnerweise gibt, auch wenn es  nicht immer der Wahrheit entspricht). Vor allem aber sind ihre fünf Bestandteile so ausgelegt, dass jeweils nur eine Seite davon gut klingt: niemand will geringe Verträglichkeit oder Gewissenhaftigkeit haben, denn hohe Ausprägungen erscheinen zweifellos vorteilhafter.

Adam Grant spricht dieses bekannte Probleme der Big Five an und schlägt auch gleich eine Lösung vor: die negativ behafteten Big Five Faktoren umbenennen, so dass jede Seite eine eigene Bezeichnung hat, und zwar eine die positiv ist. Ich könnte nicht mehr zustimmen. Denn genau solche positiven Bezeichnungen nutze ich bereits, Mr. Grant. Beim Typentest Persönlichkeitstest und in meinem Buch Menschenkenntnis – der große Typentest.
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PS: Adam Grant spricht kein deutsch, daher kennt er meine deutschsprachige Interpretation von Big Five um MBTI im Typentest natürlich nicht.

PPS: Die von mir und Adam Grant ausgeführten Argumente gelten übrigens genauso für alle anderen auf Jung basierenden Persönlichkeitsmodelle, wie David Keirsey’s Temperamente, Sozionik, GPOP, Insights Discovery/MDI, etc.. Die meisten davon haben noch mehr und noch größere Unzulänglichkeiten wie der MBTI.

Andere Persönlichkeitstests, unabhängig vom MBTI: Reiss Profile, Disg, Berufstest, Enneagramm, Charakterstärken

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