Mischtypen – die Farben der Persönlichkeit

Gibt es Mischtypen? Oder ist jeder Mensch eindeutig einem Typ zuzuordnen?

Häufig bekomme ich Emails wie “Ich bin laut Typentest Persönlichkeitstest Typ XXY aber erkenne mich auch in Typ AAB wieder” oder “Bei der Eigenschaftsebene Introvertiert-Extrovertiert kann ich mich nicht klar für eine Seite entscheiden”.

Meine Antwort lautet meist vereinfacht: “Das ist ganz normal, alles Ok”. Denn die meisten Menschen sind bei zumindest einer, manche auch bei mehreren Persönlichkeitseigenschaften nahe der Mitte oder sogar genau in der Mitte, können sich also nicht für die eine oder andere Seite entscheiden. Denn Persönlichkeitseigenschaften sind kein entweder/oder, kein schwarz oder weiß, sondern sind bei jeder Person individuell stark ausgeprägt. Jeder Mensch hat quasi seine eigene Farbkombination der Persönlichkeit.

Dabei ist es völlig normal, in manchen Bereichen sehr stark ausgeprägt zu sein – z.B. gibt es sehr theoretisch und unkonventionell denkende Menschen genauso wie umgekehrt sehr praktisch und traditionell Denkende. Genauso ist es normal, ausgeglichen zu sein, ohne deutlich auf die eine oder andere Seite zu tendieren – z.B. mal spontan und chaotisch und mal geplant und zielstrebig zu agieren. Denn unsere Persönlichkeit ist vielseitig, wir verhalten uns nicht immer gleich und vieles hängt auch von der Situation ab, in der wir uns gerade befinden. Allerdings gibt es Muster in unserem Verhalten. Muster, nach denen wir uns in der Regel verhalten und die unser Verhalten anhand von Persönlichkeitseigenschaften einschätzbar machen. Genau das macht ein Persönlichkeitstest wie der Typentest. Er macht unser Verhalten sichtbar. Wir alle liegen auf einer Skala, die angibt, wie stark die Ausprägung einer Persönlichkeitseigenschaft ist:

I——————-|——————-E
Introvertiert                  Mitte                   Extrovertiert

Man kann auf der Skala weit links oder weit rechts liegen, oder aber auch genau in der Mitte. Die meisten Menschen befinden sich ungefähr im mittleren Bereich (siehe Artikel Die (un)durchschnittliche Persönlichkeit und Gibt es Typen?). Beispiel:

I———–x——–|–x—————–E
Introvertiert                  Mitte                   Extrovertiert

Der Typ aus dem Typentest ist natürlich eine Verallgemeinerung, denn er gibt keinen Aufschluss darüber, wie stark eine Ausprägung ist. Jemand mit der Eigenschaft “Extrovertiert” kann sich am äußersten Rand – nahe der maximalen Ausprägung – oder aber auch ausgeglichen nahe der Mittellinie befinden. Zwischen beiden Beispielen besteht jedoch ein großer Unterschied. Nämlich der, wie stark Extrovertiert diese Person ist:

Geht sie extrem stark aus sich heraus, kennt hunderte Leute (nicht nur bei Facebook) und ist sehr offen und gesprächig? Oder geht sie “nur” häufig aus sich heraus, kennt relativ viele Leute und ist meist gesprächig?

An dem Beispiel wird deutlich: auch Menschen mit der gleichen Persönlichkeitseigenschaft oder dem gleichen Typ können sehr unterschiedlich sein. Die Typenprofile sind daher nicht zu ernst zu nehmen, denn sie stellen eine Vereinfachung dar. Sie können eine Person nicht 100%ig beschreiben, da sie individuelle Unterschiede – quasi die individuellen Farbschattierungen der Persönlichkeit eines Menschen – nicht berücksichtigen können.
Dennoch sind Typen sinnvoll, um Persönlichkeitseigenschaften verallgemeinert zu erklären, um sie leicht verständlich und anschaulich zu machen. Denn die Einschätzung auf einer Skala fällt oft schwer und ist nicht immer bis ins Detail möglich.

Wer mehr über seine Ausprägung in den Persönlichkeitseigenschaften herausfinden möchte, kann dies beim TypenTest XL machen.

Aus Schwarz-Weiß werden Farben: die Entwicklung der Persönlichkeitstests

Bei älteren Persönlichkeitsmodellen, wie denen von Jung, MBTI, Keirsey & Sozionik, ging man bei ihrer Entwicklung damals davon aus, dass jeder Mensch entweder auf der einen oder auf der anderen Seite liegt – also z.B. entweder eindeutig Extrovertiert oder eindeutig Introvertiert ist (die Eigenschaft ambivertiert = in der Mitte liegend, wird dort ausgeschlossen). Individuelle Unterschiede zwischen Menschen werden in diesen Modellen nicht berücksichtigt. Die Stärke einer Persönlichkeitseigenschaft spielt dort kaum eine Rolle und demnach werden in diesen Modellen alle Menschen eines Typs als sehr ähnlich angesehen.

In der aktuellen Persönlichkeitsforschung von Big Five, Hexaco, IPIP und Co. hat man herausgefunden, dass Persönlichkeitseigenschaften nicht ausschließlich schwarz oder weiß sind, sondern bei jedem Menschen unterschiedlich stark ausgeprägt. Eine Tatsache, die jeder in seinem Alltag beobachten kann: Zum Beispiel ist der Unterschied zwischen leicht introvertierten und sehr stark introvertierten Menschen groß: Die einen sind nur ein bisschen zurückhaltend, die anderen kommen kaum aus dem Haus heraus und sind meist stumm wie ein Baum. Sicher kennen die meisten von uns auch Menschen, die extrem pedantisch und Geplant sind und im Vergleich dazu Menschen, die zwar auch zielstrebig und geplant handeln, aber lange nicht so extrem. Oder eben Menschen, die sich mal so und mal so verhalten, ohne klare Tendenz zu einer Seite, z.B. ausgeglichen kooperativ und hart interagieren. Das sind die Unterschiede innerhalb von Typen – die Unterschiede der Persönlichkeit.

Auf der amerikanischen Seite Shirt Woot bin ich auf dieses amüsante T-Shirt-Motiv zum Thema gestoßen:

Es zeigt uns die Bell-Kurve, einen Begriff aus der Statistik zur Normalverteilung. Normalverteilung bedeutet, dass sich bei einer Einschätzung die meisten Menschen im mittleren Bereich befinden, z.B. bei der Körpergröße: die meisten Menschen haben eine ungefähr durchschnittliche Größe, die in einem gewissen Bereich schwankt. Sehr große oder sehr kleine Menschen kommen wesentlich seltener vor  – und zwar umso seltener, desto weiter sie vom Durchschnitt – also von der Norm – abweichen. Auch bei Persönlichkeitseigenschaften gilt diese Normalverteilung: nur die wenigsten Menschen sind z.B. extrem extrovertiert oder extrem introvertiert, sondern die meisten haben eine leichte oder deutliche Ausprägung zu einer Seite, und manche liegen auch genau in der Mitte in der Balance.

Fazit: Die Farben der Persönlichkeit wertschätzen

Ja, es gibt Mischtypen, denn jeder Mensch ist unterschiedlich. Machen Sie sich keinen Kopf, wenn Sie ein Mischtyp sind und sich nicht genau einschätzen können. Das ist ganz normal. Nehmen Sie Typenprofile und Eigenschaften-Kategorien nicht zu genau. Freuen Sie sich stattdessen darüber, Persönlichkeitseigenschaften von beiden Seiten nutzen zu können. Sie haben sozusagen die goldene Mitte.
~

In diesem Zusammenhang eine Leserfrage, die sich mit dem Thema beschäftigt, ob es normal ist, wenn das Ergebnis beim Typentest (oder jedem beliebigen anderen Persönlichkeitstest) schwankt. Will heißen, man kann sich mal dem einen und mal dem anderen Typen zuordnen, bzw. findet sich mal in der einen, mal in der anderen Eigenschaft wieder, je nachdem wie die täglichen Befindlichkeiten sind oder an welche Situation man bei der Fragestellung denkt. Zum Beispiel auf die Frage “Regen Sie sich häufig auf? ”

Leserfrage: Mein Testergebnis beim Typentest Persönlichkeitstest schwankt mal in die eine oder andere Richtung, je nach Tagesform, besonders im Bereich Empfindlichkeit. Ist das normal?

Antwort: Ja.

Schwankungen beim wiederholten durchführen von Persönlichkeitstests sind ganz normal. Wir alle haben einen gewissen Bereich, in dem wir uns hin und her bewegen. Mal sind wir kontaktfreudiger und extrovertierter, mal etwas ruhiger und introvertierter usw. Das geht jedem Menschen so. Auch längerfristig, will heißen über Monate und Jahre, bewegen sich Persönlichkeitseigenschaften bei den meisten Menschen leicht in die eine oder andere Richtung, z.B. sind wir in der Jugend meist offener für neue Erfahrungen als später im Leben.

Der fünfte Bereich der Empfindlichkeit ist am stärksten von der eigenen Tagesform abhängig, was ganz einfach an unserer momentanen Stimmung liegt. Extreme Schwankungen ohne konkreten Grund sind jedoch auch hier selten, können aber im Rahmen von diversen Störungen auftreten, z.B. einer Borderline Persönlichkeitsstörung.

Farben sagen mehr aus, als man denkt?

In diesem Zusammenhang der Farben, die hier im obigen Artikel als Metapher genutzt werden, noch eine weitere, häufig gestellte Leserfrage. Denn manche Menschen denken, Farben hätten abgesehen von ihrem Nutzen als Metapher – z.B. rot und orange = warm, freundlich; blau = kalt, abweisend – auch eine reale Deutungsmöglichkeit oder gar Auswirkungen auf unseren Charakter. Um die Antwort vorwegzunehmen: Diese Annahme gehört ins Land der Märchen.

Haben Farben einen Zusammenhang mit der Persönlichkeit, bzw. sagt die Lieblingsfarbe etwas über die Persönlichkeit aus?

Zwischen unserer Persönlichkeit und Farben, bzw. der persönlichen Präferenz für bestimmte Farben, gibt es keine Zusammenhänge. Zwar nutzen manche Persönlichkeitstests, z.B. der DISG und Insights MDI, Farben als Zuordnung für bestimmte Typen. Jedoch dienen diese Farben nur als optisches Hilfsmittel und haben nichts mit der Persönlichkeitsbeschreibung an sich zu tun.

Manche Tests versuchen jedoch unter anderem anhand von Farben die Persönlichkeit zu ermitteln, also anhand von Bildern und Formen mit bestimmten Farben, z.B. der NeuroIPS. Auch in Frauenzeitschriften, bei Psychotests auf Facebook oder auf diversen Internetseiten, stößt man immer wieder auf Tests, die anhand von Farbvorlieben etwas – beziehungsweise viel – über den Charakter aussagen sollen. Diese Persönlichkeitstests wollen dadurch punkten, dass man keinen klassischen Test mit Fragen beantwortet, z.B. “wie kontaktfreudig sind Sie auf einer Skala von 1-5?”, sondern die Persönlichkeit rein visuell durch das auswählen von Bildern und optischen Aufgabenstellungen eingeschätzt wird. Das hört sich erst einmal recht innovativ an.
Das Alles hat jedoch keinerlei wissenschaftliche Grundlage und ist nicht mehr als eine sinnfreie Spielerei, oder wenn man es etwas zugespitzter ausdrücken möchte: Kompletter Humbug. Schade, denn das Prinzip eines visuellen Testes hört sich interessant an. In der Praxis funktioniert es allerdings nicht, denn eine visuelle Fragestellung gilt in der Fachwelt nicht als ernstzunehmende Testmethode, und wird daher bei keinem wissenschaftlichem Persönlichkeitstest eingesetzt. In Studien ließ sich nie feststellen, dass die Vorliebe für bestimmte Farben (oder Formen, wenn wir schon beim Thema sind) klare Rückschlüsse auf die Persönlichkeit zulassen. Wer einen vernünftigen, tatsächlich wissenschaftlichen Persönlichkeitstest sucht, wird zum Beispiel bei den unzähligen Varianten der Big Five fündig, die ich auch im kostenlosen Typentest Persönlichkeitstest nutze

Fazit: Farben haben nichts mit der Persönlichkeit zu tun und dienen wenn dann nur als optische Unterscheidungshilfe für verschiedene Persönlichkeitstypen.

Bild: Flickr-User Village9991; Bell Curve Summiteer von shirt woot!
 

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2 Antworten auf Mischtypen – die Farben der Persönlichkeit

  1. Rolf Matenaar sagt:

    Guten Tag,
    In Ihrem Kommentar lese ich ständig “extrovertiert”. Ich muss Ihnen leider sagen, dass es dieses Wort so nicht gibt.
    Richtig heißt es “extravertiert”.

    Ob als Präposition oder als Adverb – auch im Lateinischen gibt’s kein extro, sondern nur ein extra.

    Diese Nachhilfe ist kostenlos.

    Mit freundlichem Gruß
    Rolf Matenaar.

  2. Lars Lars sagt:

    Hallo Rolf Matenaar,

    natürlich ist das Ursprungswort Extraversion, aber extrovertiert ist nicht nur die erheblich gängigere Schreibweise (Google extrovertiert = 370.000 Treffer, extravertiert = 26.000 Treffer), sondern steht auch im Duden neben extravertiert als korrekte Schreibweise. Auch in wissenschaftlichen Studien – deutschen wie englischen – wird vielfach die Version mit o verwendet.
    Ich persönlich finde das Wort mit o passender zu seinem Gegenstück introvertiert und verwende daher überall auf typentest.de die Variante mit o statt a.

    Schöne Grüße
    Lars Lorber

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